Hölzel-Journal

Wirtschaftserziehung

Das aktuelle Consumer-Schlagwort: OBSOLESZENZ

13. Januar 2017

Von: W. Malcik

Wir geben einen knappen Einblick in eine Thematik, die in der Öffentlichkeit zunehmend an Raum und Brisanz gewinnt: Die bewusst verkürzt geplante Lebensdauer von Geräten - mit einigen Anregungen für Arbeitsaufgaben im Unterricht.

Wegwerfen - neu kaufen

Bedürfnisse werden geformt, durch Werbung und durch sozialen Druck. Die Nachfrage nach Produkten wird auch von den Herstellern gesteuert, z.B. durch kurze Produktlebenszyklen oder kurze Produktlebensdauer.

Schon erlebt?
Die Garantie ist gerade abgelaufen und bald danach ist der fast neue Computer oder das Handy kaputt und nicht mehr zu reparieren. Von „geplanter Obsoleszenz” (lat. obsolescere = sich abnützen) spricht man, wenn in Konsumgütern gezielt Schwachstellen eingebaut werden um die Produktlebensdauer zu verkürzen. Eine Reparatur ist unmöglich oder zu teuer. Ein neues Gerät wird gekauft, was bei fallenden Produktpreisen leicht fällt.

Die geplante Obsoleszenz ist Teil einer Produktstrategie:

  1. Bei der Produktion werden bewusst Schwachstellen eingebaut oder Rohstoffe von mangelnder Qualität verwendet. Durch raffinierte Verschraubungen und Verklebungen  wird gleichzeitig dafür gesorgt, dass eine Reparatur übermäßig teuer wäre oder gar nicht möglich ist. Der Kunde wird so gezwungen, das geplant schadhaft gewordene Produkt durch ein neues zu ersetzen.
  2. Zu geplanter Obsoleszenz gehören auch Maßnahmen, eine baldige Abnutzung der Produkts vorzusehen. Dabei kann durch entsprechende Materialwahl das Aussehen und die Handhabung eines Produkts nach Ablauf der Gewährleistungsfrist einen direkten Vergleich mit Neuprodukten nicht mehr möglich machen, unabhängig von der unveränderten Funktionalität des Produkts. Abgegriffene und unansehnlich gewordene Schalen oder Gehäuse von Mobiltelefonen sollen den Kunden veranlassen, auf ein neues Gerät umzusteigen.
  3. Möglich ist auch der Einbau eines Mechanismus, welcher nach einer bestimmten Nutzungsdauer (die länger ist als die Garantiezeit) entweder eine Zerstörung wichtiger Funktionskomponenten hervorruft oder eine Betriebsstörung vortäuscht. Nur Fachleute in Servicestationen können diesen Mechanismus außer Kraft setzen, in Bedienungsanleitungen bleiben sie unerwähnt.

So gibt es zum Beispiel Tintenstrahldrucker mit einem eingebauten Zähler-Chip, die nach einer bestimmten Anzahl gedruckter Seiten nicht mehr funktionieren. Wird der Chip auf Null zurückgestellt, dann funktioniert der Drucker wieder.

Damit geplante Obsoleszenz auf den Märkten funktioniert, muss das Konsumverhalten der Kunden bestimmte Muster aufweisen:

  1. Ein neues Produkt ist besser als das alte Vorgängermodell
  2. Ein neues Produkt zu kaufen ist einfacher, als eine Reparatur des alten zu organisieren – und es macht auch mehr Spaß, wenn Shopping ein Teil des Freizeitverhaltes ist.
  3. Ein neues Produkt bringt Prestige, unabhängig davon, ob es mehr Funktionalität bietet und sein Nutzen zweckmäßigt ist.

Was tun gegen geplante Obsoleszenz?

Nicht wegwerfen, sondern reparieren, aber wo? Naheliegend ist, sich an die Serviceabteilung des Herstellers zu wenden. Teure Wegzeiten, teure Ersatzteile (meist ganze Komponenten und nicht nur der schadhafte Teil) und der Hinweis, besser gleich ein neues Gerät anzuschafen sind oft die Folgen. Servicemitarbeiter werden mitlerweile nicht nur technisch sondern auch als Verkäufer geschult.

Freie Reperaturwerkstätten sind Unternehmen, die Geräte vieler oder aller Hersteller zur Reperatur entgegennehmen, kämpfen aber ihrerseits mit den Herstellern beim Bezug notwendiger Bauteile oder Werkzeuge. Manche dieser Werkstätten sind sozial engagiert und schulen und beschäftigen Langzeitarbeitslose mit dem Ziel der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt.

Onlinebewertungen im Internet und Informationen in diversen Foren helfen, sich eine Meinung über ein bestimmtes Produkt oder einen konkreten Servicedienst zu bilden.

Und schließlich ist mehr Bedürfniskompetenz gefragt: brauche ich wirklich immer das neueste Modell? Auch wenn nicht nur materielle Bedürfnisse, sondern auch soziale wie Status und Zeitgeist befriedigt werden, ist Selbstreflexion der eigenen Bedürfnisse ein Weg, Konsummüll zu vermeiden und die Umwelt zu schonen.

Neu ist besser?

Nicht immer unterscheiden sich neue von alten Produkten durch bessere Funktionalität, sondern sind oft nur in neuem Design verpackt. Aber das neue Produkt bietet mehr Prestige, man geht mit der Zeit und ist Opfer der Werbung.

Besonders bei Mobiltelefonen locken die Betreiber mit neuen Handys, wenn man nach zwei Jahren den Vertrag verlängert: Kundenbindung durch Wegwerfen.

„Ich will haben” – auf Kosten der Ärmsten

In vielen Batterien von Smartphones und anderer Elektronik ist laut Amnesty International Kinderarbeit aus dem Kongo enthalten. In kleinen Bergwerken im Süden des Landes schuften Tausende Minderjährige, manche von ihnen nur sieben Jahre alt, unter sklavenähnlichen Bedingungen und ohne Sicherheitsausrüstung. Sie fördern Kobalt, ein wichtiges Mineral für die Produktion von modernen Lithium-Ionen Batterien. Mehr als die Hälfte des weltweit geförderten Kobalts stammt aus dem Kongo. Für unsere Handy- und Computerwegwerfkultur starben seit 1998 über 3 Millionen Menschen im "unbeachteten" Coltan-Rohstoffkrieg in Uganda.

The glamourous shop displays and marketing of state of the art technologies are a stark contrast to the children carrying bags of rocks, and miners in narrow manmade tunnels risking permanent lung damage. (Amnesty International 2016)

Re-Use statt Recycling?

Recycling (die stoffliche Verwertung von gebrauchten Gütern) ist ein wichtiger Betrag zu Abfallvermeidung. Trotzdem steigen die Gesamtabfallmengen. Recycling braucht  aber entsprechende Anlagen – und Energie. Die organisierte Wiederverwendung von Altgeräten ist dazu eine auch von der EU angestrebte Alternative.

AUFGABEN

  1. Recherchieren Sie weitere Beispiele für (geplante) Obsoleszenz, z.B. auf www.murks-nein-danke.de
  2. Nehmen Sie zu folgenden Texten Stellung. Überlegen Sie Maßnahmen und (persönliche) Verhaltensweisen für nachhaltigen Konsum.

    a) "Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil nur in Katastrophen enden kann."
    (Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus 2015)

    b) „Unsere Wegwerfgesellschaft garantiert Wirtschaftswachstum, sichert Arbeitsplätze und führt zu immer kürzeren Innovationszyklen von besseren und manchmal auch billigeren Produkten” (nach: Working Papers der AK 2013)

    c) „Ein Wirtschaftssystem, in dem Firmen auf die gezielte Verkürzung der Lebensdauer von Produkten setzen, ist nicht nachhaltig und zukunftsfähig. Die Firmen setzen gezielt auf die Dummheit und Manipulierbarkeit der VerbraucherInnen.” www.mitwelt.org/impressum.html
  3. Sammeln Sie Beispiele, wie die Werbung versucht, stets die neuesten Produkte zu kaufen, was besonders für die Mobilfunkbranche gilt.
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