Hölzel-Journal

Politische Bildung

Hundert Jahre Albanien – Ein Blick in die Politik der zu Ende gehenden Donaumonarchie

31. Januar 2013

Von: Wilhelm Malcik

Am 28. November dieses Jahres beging Albanien seinen hundertsten Geburtstag - ein Staat, der sein Entstehen zum Teil der österreichich-ungarischen Außendiplomatie verdankt.

Hundert Jahre später

Wir leben in einer Zeit, in der vor rund hundert Jahren nicht nur Österreich-Ungarn seinem Ende entgegen ging, sondern die abendländische Weltordnung - im Speziellen das Alte Europa - zusammenbrach.

In den letzten vergangenen sowie in den kommenden Jahren  sind es jeweils hundert Jahre her, dass sich zum hundertsten Mal eine Reihe von innen- und außenpolitischen Ereignissen jähren, welche mit der krisengeschüttelten Donaumonarchie in Verbindung stehen. Wir erinnern an 2007, als das allgemeine Wahlrecht hundert Jahre alt wurde, oder an 2008, als Bosnien-Herzegowina  hundert Jahre zuvor von Österreich-Ungarn annektiert wurde. 2011 jährten sich die letzten Reichratswahlen vor dem Ersten Weltkrieg zum hundertsten Mal. Für 2014 und 2018 sind der Tragweite der damaligen Ereignisse entsprechend große Jubiläen zu erwarten.

Die Staatsgründung Albaniens fällt in diese Zeit und wurde am 28. November dieses Jahres festlich begangen. In Vlora, dem Ort der Unabhängigkeitseerklärung, waren am 28. November 1912 Delegierte aus allen Teilen der von Albanern bewohnten Teile des Balkans zu einem Nationalkongress zusammen gekommen. Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im ersten Balkan-Krieg gegen Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro riefen sie nach mehr als 400 Jahren der Zugehörigkeit zu Istanbul die Unabhängigkeit aus und bildeten eine provisorische Regierung.

Der griechische Außenminister sagte knapp vor Beginn der 100-Jahr-Feierlichkeiten seine Teilnahme ab wegen Äußerungen des albanischen Ministerpräsidenten Berisha. Dieser hatte laut Presseberichten in einer Rede ein „Groß-Albanien“ angedeutet, das auch Gebiete außerhalb der heutigen Staatsgrenzen, vor allem aber Gebiete im griechischen Epirus einschließt. Berisha rechtfertigte dies als Zitat der damaligen Vorstellungen der Gründerväter des albanischen Staates, solche Aussagen sorgen aber am Balkan immer noch für Empfindlichkeiten.

Die Entstehung eines albanischen Nationalbewusstseins

Erst im letzten Drittel des 19. Jh. entwickelte sich als Reaktion auf die anderen südosteuropäischen Nationalismen langsam ein albanisches Nationalbewusstsein. Die sozialen Voraussetzungen dafür waren denkbar ungünstig, denn es gab praktisch keine albanische Gesellschaft und Öffentlichkeit. Vor allem im Norden spielte sich das soziale Leben ausschließlich innerhalb patriarchalisch strukturierter Familienverbände (alb. Fis) und Stämme ab. Mittel- und Südalbanien dagegen wurde von konservativen Großgrundbesitzern beherrscht, die die Masse der Bevölkerung in quasi-feudaler Abhängigkeit hielten und sich selbst zur osmanischen Oberschicht zählten. Zudem waren die Albaner religiös in Sunniten, Katholiken und Orthodoxe gespalten, so dass anders als etwa bei den Serben und Griechen auch die Religion nicht identitätsstiftend für die albanische Nation sein konnte. Gleichwohl spielten Geistliche der unterschiedlichen Bekenntnisse eine wichtige Rolle bei der albanischen Nationsbildung (alb. Rilindja: „Wiedergeburt“, „Renaissance“), denn sie waren fast die einzigen Angehörigen ihres Volkes mit einer höheren Schulbildung. Um 1900 konnten über 90 Prozent der Albaner weder lesen noch schreiben. Nur in den Städten Shkodra, Prizren und Korça gab es eine schmale bürgerliche Schicht – vornehmlich Kaufmannsfamilien, die mit westlicher Bildung in Berührung gekommen waren. Diese kleine Gruppe stellte neben den Geistlichen die meisten Träger der albanischen Nationalbewegung „Rilindja“.(Qu.: Wikipedia)

Die Frage nach einem albanischen Nationalstaat wurde erstmals im Zusammenhang mit der Niederlage der Osmanen im russisch-türkischen Krieg 1877-1878 relevant. Da der russische Diktatfrieden eine Aufteilung Albaniens zwischen Bulgarien und Montenegro vorsah, bildeten sich Widerstandsgruppen unter Führung der "Liga von Prizren", um die alten Grenzen zu verteidigen. Ihr Ziel war noch kein albanischer Nationalstaat, sondern Autonomie innerhalb des osmanischen Reiches.

Im Juli 1878 sandte die Liga ein Memorandum an die Vertreter der Großmächte beim Berliner Kongress. Otto von Bismarck urteilte, dass eine albanische Nation gar nicht existiere, weshalb eine Forderung nach Autonomie hinfällig sei. Istanbul unterstützte die folgenden von der Liga gesteuerten Aufstände zur Abwehr neuer Grenzen, war aber nicht bereit, Zugeständnisse in Richtung Autonomie zu gewähren. Nachdem viele muslimische Albaner nicht gegen die Soldaten des Sultans kämpfen wollten, konnten türkische Truppen alle Aufstände niederschlagen, die Liga wurde aufgelöst und für die nächsten zwei Jahrzehnte gab es keine politische Bewegung der Albaner mehr.

Abb. 1: Zerfall der europäischen Türkei (vor 1878). Karte aus Zeitfenster 6, Lehrbuch für Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung für AHS, erschienen bei Ed.Hölzel.

Albanien - ein neuer Balkanstaat

In den Jahren vor 1912 herrschte Chaos, Gewalt, Clanherrschaft und Anarchie in den verbliebenen Balkanprovinzen des Osmanischen Reiches. Auch die Hoffnungen der Albaner, nach der jungtürkischen Revolution die erhoffte Unabhängigkeit zu erlangen, zerschlugen sich. Die türkische Reaktion ging hart und militärisch dagegen vor, sodass letztlich nicht nur Christen, sondern auch große Teile der muslimischen Bevölkerung Albaniens die volle Loslösung von Istanbul und einen eigenen Staat befürworteten.

Im Zuge des 1. Balkankrieges 1912 versuchten Serbien, Montenegro und Griechenland Albanien untereinander aufzuteilen. Dies führte zu einer Wiederbelebung der albanischen Nationalbewegung, ausgehend vom Kosovo, von wo sich bewaffneter Widerstand gegen die eindringenden Nachbarstaaten ausbreitete. Als Folge davon wurde am 28. November 1912 die Unabhängigkeit Albaniens ausgerufen, die auf der Londoner Konferenz am 30. Mai 1913 von den Großmächten bestätigt wurde.

Kampf um Einflusssphären

Als Ergebnisse der Londoner Konferenz (auch Londoner Vertrag genannt) wurde Albanien unabhängig, wobei große Teile des albanischen Siedlungsgebiets (vor allem Kosovo und Epirus) an Serbien bzw. Griechenland, kleinere an Montenegro fielen.
Der Sandschak von Novi Pazar, von 1878 bis 1908 von österreichischen Truppen kontrolliert, wurde zwischen Serbien und Montenegro aufgeteilt. Die weiteren Bestimmungen betrafen die Aufteilung Mazedoniens und die Zuteilung Thrakiens an Bulgarien. Also Territorialpolitik im besten Sinn des Wortes.

Bulgarien war sehr unzufrieden mit den Ergebnissen, einige Wochen später brach deshalb der Zweite Balkankrieg aus, der im August 1913 mit dem Frieden von Bukarest beendet wurde.

Abb. 2: Erster und Zweiter Balkankrieg 1912-1913. Karte aus Zeitfenster 6, Lehrbuch für Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung für AHS, erschienen bei Ed.Hölzel.

Die Rolle Österreichs

Die weitere Entwicklung Albaniens, das im Ersten Weltkrieg wieder von der Landkarte als eigener Staat verschwand, wäre einen eigenen Artikel wert. An dieser Stelle soll nur auf die besondere Rolle Österreichs bei der Staatsgründung Albaniens hingewiesen werden.

Auf der Londoner Konferenz unterstützten Österreich-Ungarn und Italien die albanische Unabhängigkeit, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Die Donaumonarchie förderte ein unabhängiges Albanien, um Serbien einen Zugang zur Adria zu nehmen, Italien wollte, basierend auf alten Handelsbeziehungen und Einflusssphären aus der Zeit vor der osmanischen Eroberung, auf der anderen Seite der Adria zukünftig mehr Einfluss haben. Russland unterstützte Serbien und Montenegro. Frankreich schloss sich der russischen Position an. Deutschland und Großbritannien verhielten sich neutral. Die anderen territorialen Fragen wurden vor allem zu Gunsten Serbiens und Griechenlands entschieden.

Inzwischen war längstens seit der Annexion Bosnien-Herzegowinas die südslawische Frage immmer mehr zur Schicksalsfrage der k.u.k. Monarchie geworden. Der österreichische Außenminister Graf Berchtold (1912-1915) musste sich mit dem Sieg der Balkanstaaten über das Osmanische Reich abfinden. Nur unter großen Spannungen mit der russischen Diplomatie konnte Östereich in London ein selbständiges Fürstentum Albanien durchsetzen.

Diese historisch begründete albanienfreundliche Außenpolitik wiederholt sich heute in der Unterstützung, die Österreich innerhalb der EU für Albanien gewährt, vor allem dafür, dass das Land den Statuts eines Beitrittskandidaten erhält. Österreich hilft auch direkt beim Aufbau und der Modernisierung der Infrastruktur. Als Beispiel sei hier die Erneuerung der Wasserversorgung in der nordalbanischen Stadt Shkodra genannt, die von der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit OEZA unterstützt wurde. Die österreichischen Energieversorger Verbund und EVN eröffneten im September 2012 das Wasserkraftwerk Ashta, weitere Kraftwerke mit österreichischer Beteiligung sind geplant.

Zuletzt noch ein Hinweis auf die Zahl von Menschen in Österreich mit albanischen Wurzeln. Eine Zählung wird dadurch erschwert, dass man zwischen Albanern aus Albanien, dem Kosovo und dem südlichen Mazedonien unterscheiden muss. Obwohl die albanische Diaspora verhältnismäßig groß ist, hat es die meisten Albaner in die Nachbarländer Italien und Griechenland verschlagen. In Österreich und Wien sind vor allem zahlreiche Kosovo-Albaner gelandet.

Arbeitsblatt

In größerem Zusammenhang mit der Innen- und Balkanpolitik der k.u.k. Monarchie stellen wir hier ein Arbeitblatt vor, das einen weiten chronologischen Bogen vom Ausgleich mit Ungarn bis zur Ausrufung der Ersten Republik spannt. Und zwar in Form eines Gleichnisses, das zu enschlüsseln als Aufgabe gestellt werden kann. Am besten als Zusammenfassung und Wiederholung des Lehrstoffes zur österreichischen Geschichte von 1867 bis 1918.

Arbeitsblatt: Es war einmal eine Fußballmanschaft

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