Hölzel-Journal

Politische Bildung

Der totalitäre / autoritäre Staat - ein Arbeitsblatt

23. Oktober 2012

Von: Wilhelm Malcik

Die aktuellen Ereignisse in Syrien führen aller Welt vor Augen, welche Mechanismen totalitären bzw. autoritären Regimen zugrunde liegen. Aber auch die politische Situation in anderen Staaten wie Kuba, Nordkorea, Weißrussland, in einigen afrikanischen Ländern und früher in Lateinamerika geben Anlass zu einer allgemeinen Analyse totalitärer Systeme.

Syrien – ein autoritärer Staat

Im März 2011 wurde auch Syrien von der Protestwelle in den arabischen Staaten Nordafrikas erfasst, die unter der Bezeichnung „Arabischer Frühling“ in die aktuelle Zeitgeschichte eingegangen ist. Vor allem Menschen aus den ländlichen Regionen und in den Vororten Damaskus protestierten anfangs gegen das Regime von Bashar al-Asad und die alles beherrschende Baath-Partei. Sie gehörten überwiegend der sunnitischen  Mehrheit im Land sowie den Kurden an.

Bäuerliches Gehöft und archaische Feldarbeit in Nordsyrien

Inzwischen eskalierten die Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Regimegegner zu einem blutigen und brutalen Bürgerkrieg, der das künftige Zusammenleben aller Ethnien ernsthaft infrage stellt. Syrien galt bis dahin als stabiles, wenngleich autoritär regiertes Land. Wer eine Reise durch Syrien unternahm, konnte das scheinbar friedliche Zusammenleben von  Muslimen (87 %), Christen (10%) und Drusen (3%) erleben.

In einigen Orten bilden Christen die Mehrheit der Bevölkerung,  wie hier in Maalula nördlich von Damaskus, wo noch die im Laufe der Jahrhunderte ausgestorbene Sprache Aramäisch, also die Sprache von Jesus Christus, gesprochen wird.

Allerdings gehören die Eliten des Landes nicht der sunnitschen Mehrheit (74%) an, sondern den Alawiten, die zusammen mit Ismailiten und Schiiten rund 13% der Bevölkerung bilden. Damit ist eine gesellschaftliche Situation gegeben, wie sie in so manchen Diktaturen zu beobachten ist: Die Macht liegt in den Händen einer Gruppe, die nicht für die Mehrheit der Bevölkerung repräsentativ ist.

Syrien-Reisende konnten bis 2010 ein gewisses Maß an Liberalität im Alltagsleben beobachten: Frauen mit Miniröcken und modernen Frisuren  alleine oder in Gruppen unterwegs neben tief verschleierten, in Schwarz gehüllte Frauen hinter ihren Männern einhergehend. Moscheen und christliche Kirchen in unmittelbarer Nachbarschaft ebenso wie Diskotheken, Internetcafes neben traditionellen kleinen Krämerläden.

 

Typischer Altstadt-Laden mit dem Bild des Präsidenten, das in der Regel außen wie innen zu finden ist.

In diesem Artikel geht es nicht um die Darstellung der Ereignisse seit 2011, auch nicht um eine Analyse der syrischen Gesellschaft, sondern um die Entwicklung und  Charakterisierung  der syrischen Variante eines autoritären Staates.

Daher lohnt ein kurzer Rückblick auf die innen- und außenpolitische Entwicklung des Landes.

In der Zeit des Übergangs von der französischen Mandatsverwaltung zur vollständigen Unabhängigkeit im Jahr 1946 entstand die Baath-Partei (baath = arab. Wiedergeburt, Auferstehung, Erweckung) mit einem panarabischen Programm. Die Visionen reichten von einem „natürlichen Großsyrien“ unter Einschluss des Libanon, der Palästinensergebiete, Jordaniens unter dem von den Briten eingesetzten haschemitischen Königshaus bis hin zur Vereinigung aller arabischen Völker im „fruchtbaren Halbmond“, vor allem aber mit Ägypten.

Teile der Partei bzw. der syrischen Eliten verfolgten hingegen einen rein nationalstaatlichen Kurs. Nach der Niederlage im Ersten Nahostkrieg 1948 wurden in mehreren Militärputschen, geführt von jungen linksgerichteten Offizieren, die alte Elite der Notabeln und Großgrundbesitzer aus Politik und Armee verdrängt.

Mit der Machtübernahme von Nasser in Ägypten nahm der Traum einer syrisch-ägyptischen Einheit konkrete Formen an: 1958 entstand die Vereinigte Arabische Republik (VAR). Doch die Dominanz der Ägypter in dieser Union sowie schlecht vorbereitete Verstaatlichungen und Landreformen führten zu einem syrischen Gegenputsch und Syrien beendete 1961 den Zusammenschluss. Die Folge waren teilweise blutige innenpolitische Auseinandersetzungen zwischen Nasseristen, Sozialisten, Kommunisten und Baathisten um die Zukunft Syriens.

Die junge Generation in der Baath-Partei vertrat in den 60er-Jahren des 20.Jhdts einen anti-westlichen Kurs und eine außenpolitische Annäherung an die UdSSR und propagierte den „Arabischen Sozialismus“. Dieser lehnt den marxistischen Klassenkampf ab, um eine Spaltung der arabischen Nation zu vermeiden. Eine gerechte Gesellschaft sollte auf dem Reformweg geschaffen werden. Verstaatlichungen und Landreformen wurden in die Wege geleitet, sodass der Staat bis heute wichtige Wirtschaftsbereiche und das öffentliche Leben kontrolliert.

Eine wesentliche Rolle für die weitere Entwicklung Syriens spielt der Nahostkonflikt. Seit der Niederlage im Sechstagekrieg versteht sich Syrien als „Frontstaat“ gegen Israel, da es im Gegensatz zu Ägypten und Jordanien kein Friedensabkommen unterzeichnet hat. Aufgrund der Vorstellung, Palästina sei ein Teil Syriens, konnte man sich auch lange nicht mit der Forderung der PLO nach einem eigenen Palästinenserstaat anfreunden und unterstützte eher die Gegner der PLO, also Hamas und Hisbollah.

Daraus resultieren letztlich auch die guten Beziehungen zwischen Syrien und dem Iran seit der Machtübernahme der Mullahs in Teheran 1979. Syrien unterstützte den Iran im 1. Golfkrieg 1980-1988 und baute schiitische Pilgerzentren und Moscheen, um die durch den Irakkrieg blockierten irakischen Pilgerzentren Kerbala und Nadjaf zu ersetzen. 

Die prunkvolle schiitische Ruqqaya-Mosche in der Altstadt von Damaskus ist Ziel vieler iranischer Pilger.

Dass heute Russland (wie China) ein internationales, von den UN gebilligtes, Vorgehen gegen das Regime Asad mit seinem Veto im Sicherheitsrat verhindert, geht auf die Spuren zurück, die der Kalte Krieg hinterlassen hat: Syrien und Ägypten auf der Seite der UdSSR, Jordanien und (damals) der Irak sowie Israel und der Libanon auf der Seite des Westens.

Mit der Machtübernahme von Hafiz al-Asad 1970 beruhigte sich die innen- und außenpolitische Lage in Syrien, wenngleich die zugelassenen Parteien nur in einer Einheitsfront für das Parlament kandidieren durften. In der Baath-Partei spielten und spielen die religiösen Minderheiten eine wichtige Rolle, vor allem Alawiten, Drusen und griechisch-orthodoxe Christen. Sie unterstützen die Partei, weil diese sich als säkulare, nicht konfessionell gebundene Bewegung versteht. Als Folge davon sind in Partei und Armee die Minderheiten stark überrepräsentiert, obgleich sie in der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung zahlenmäßig eher unbedeutend sind.

 

 

Bilder und Denkmäler von Hafiz al-Asad sind in syrischen Städten und Dörfern immer wieder anzutreffen.

Besonders die Alawiten gelangten in Spitzenpositionen von Staat und Militär und beseitigten ihre Gegner in internen Machtkämpfen. Hafiz al-Asad und seine Familie gehörten dieser Religion an. Er förderte dieses System, das vor allem von den Muslimbrüdern, die aus der sunnitischen Bevölkerung kamen, bekämpft wurde. Asad stützte sich auf alawitische Familien-Clans und griff mit dem Polizeiapparat hart gegen die Muslimbrüder durch. Homs und Hama  als Hochburgen der Muslimbrüder wurden 1982 von der Luftwaffe bombardiert, die Zahl der Toten wird auf rund 30 000 geschätzt.

Für viele gläubige Muslime repräsentiert die Baath-Partei eine rein sozialistische und daher atheistische Bewegung. Heute agieren die Muslimbrüder von ihrem Exil in London aus. Im Gegensatz zur politischen Führung des Landes spielt die Religion im Alltag der Bevölkerung eine große Rolle.

Hafez al-Asad sicherte sich die innerfamiliäre Machtfolge durch seinen Sohn Basil, der zum Nachfolger aufgebaut wurde, jedoch 1994 bei einem Autoumfall ums Leben kam. Sein jüngerer Bruder Bashar hatte in London Medizin studiert und keine typische militärische Laufbahn absolviert wie sein Bruder. Er musste eine schnelle militärische Schulung machen und wurde über Nacht um mehrere Dienstgrade befördert. Westlich geprägt versuchte er vorsichtige Reformschritte wie die Zulassung von Internetcafes und Mobiltelefonen, schaffte das militärische Aussehen der Schuluniformen ab, erleichterte den Zahlungsverkehr, entließ einige politische Gefangene und führte in der Wirtschaftspolitik marktwirtschaftliche statt planwirtschaftliche Ziele ein.

Schuluniformen sind in Syrien obligatorisch. Das Schulwesen basiert im Wesentlichen immer noch auf dem französischen Schulsystem, das in der Mandatszeit (1922 - 1946) eingeführt wurde.

Von der Liberalisierung der Staatswirtschaft profitierten primär die Eliten des Landes, die soziale Kluft zwischen der wohlhabenden Oberschicht und der Masse der Bevölkerung wurde immer größer. Im Zuge des Irakkriegs und der Stigmatisierung des Landes als einen Teil der „Achse des Bösen“ seitens des US-Präsidenten G. W. Bush kamen diese Reformen wieder zum Stillstand.

 

Wohnblocks der Oberschicht im Cottage-Viertel von Aleppo

Seit Hafiz al-Asad bietet Syrien das Bild eines autoritär und zentralistisch geführten Staates. Heute ist unklar wie die interne Machtverteilung zwischen Präsident, Regierung, Partei, Militär und Geheimdienst aussieht. Dies geht zurück auf die Machtübernahme Bashars im Jahr 2000. Der bereits krebskranke Hafiz als-Asad musste die „Thronfolge“ Bashars gegen manchen Widerstand aus Militär, Wirtschaft und Familie durchsetzen und entfernte einige  Personen aus ihren Machtbefugnissen, an deren Loyalität zu Bashar er Zweifel hatte. Bashar versuchte durch eine Verjüngung in Partei und Parlament eine eigene Gefolgschaft aufzubauen. Inwieweit er auf diese vertrauen kann und ob er als Präsident noch wirklich alle Macht in Händen hat, wird von politischen Beobachtern mit Fortdauer des Bürgerkrieges immer mehr angezweifelt.

Die politische Propaganda ist überall anzutreffen - hier bei der Einfahrt in ein nordsyrisches Dorf: "Wilkommen in Khanasir"

Wie in anderen Bürgerkriegen auch machen die Kämpfe nicht Halt vor Bauwerken, die zum UNESCO-Welkulturerbe zählen. Der mittelalterliche Suq von Aleppo gilt mit einer Gesamtlänge von 12 km als größter des Orients. Teile davon wurden im September 2012 Raub der Flammen.

Der totalitäre – autoritäre Staat: Ein Arbeitsblatt

Wenn in einem Staat demokratische Mindeststandards wie vor allem Meinungs- und Pressefreiheit, Versammlungsrecht und Mehrparteiendemokratie nicht gegeben sind, spricht man von einem autoritären System. Im Gegensatz zu einem totalitären System werden nicht alle gesellschaftlichen Bereiche vom Staat und seinen Apparaten kontrolliert. Einige, wenn auch wenige Freiheiten bleiben der Bevölkerung erhalten.

Ein totalitäres System hingegen ist gekennzeichnet durch die totale Beherrschung aller Lebensbereiche durch die Machthaber, die sich in diktatorischer Form auf eine Ideologie stützen, welche die gewaltsame Unterdrückung Andersdenkender rechtfertigt und versucht, die Bevölkerung durch die Teilnahme an Massenbewegungen für sich zu gewinnen. Bestes Beispiel dafür ist nach wie vor der Nationalsozialismus. Inwieweit andere faschistische Regime (Mussolini, Franco, Salazar) oder der Stalinismus als autoritär und/oder totalitär einzustufen sind, wird in der Politologie unterschiedlich bewertet. Wesentlich ist, dass der totalitäre Staat zur Aufrechterhaltung seiner Machtausübung tief in das tägliche Leben seiner Bürgerinnen und Bürger eingreifen muss, also in die Bereiche Familie, Erziehung, Schulwesen, Freizeitverhalten usw.

Unterrichts-Materialien zum Thema

Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf das Schulbuch ZEITFENSTER 4 für Geschichte und Sozialkunde in der 4. Klasse HS und AHS, erschienen bei Ed. Hölzel, das den autoritären bzw. totalitären Regimen der Zwischenkriegszeit in Italien, Spanien, Deutschland, Österreich und in der Sowjetunion breiten Raum widmet. Eine Kopiervorlage im Lehrerbegleitheft ermöglicht einen guten Vergleich dieser Regime.

Für die Oberstufe der AHS verweisen wir auf unser Schulbuch ZEITFENSTER 7, in dem ein ganzes Kapitel die Diktaturen der Zwischenkriegzeit detailliert darstellt und diese in einem Vergleich einander gegenüberstellt (Seite 51).

Wir stellen hier weiters ein neues Arbeitsblatt als Kopiervorlage vor, das versucht, alle wesentlichen Elemente eines autoritären bzw. totalitären Staates mit Stichworten aufzuzeigen. Es kann für viele historische und gegenwärtige Regime dieser Art verwendet werden. Anhand der Stichwörter kann jedes Regime auf seinen Autoritäts- bzw. Totalitätsanspruch hin analysiert und überprüft werden. Damit ist eine Grundlage für Aufgabenstellungen in den höheren Anforderungsbereichen für einen kompetenzorientierten Unterricht gegeben, also für Untersuchen, Analysieren, Zuordnen, Vergleichen, Erörtern, Beurteilen, Bewerten, Interpretieren usw.

Download:
Arbeitsblatt - Der totalitäre/autoritäre Staat

 

Zum Anfang der Seite