Hölzel-Journal

Politische Bildung

1914 – 2014: Vor hundert Jahren begannen die Katastrophen des 20. Jahrhunderts

20. Februar 2014

Von: Wilhelm Malcik

Wir reihen uns ein in die im heurigen Jahr sicher lange Reihe von Gedenken an die "Urkatastrophen des 20. Jahrhunderts" und nehmen die hundertste Wiederkehr dieses Ereignisses zum Anlass, einige Gedanken zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges und zwei Arbeitsblätter zur innen- und außenpolitischen Vorgeschichte anzubieten.

Der „Ausbruch” des Ersten Weltkrieges

Zuerst muss deutlich gesagt werden, dass Kriege niemals „ausbrechen”, etwa wie eine Epidemie oder ein Buschfeuer (ausgenommen solche durch bewusste Brandlegung). Kriege werden herbeigeführt, von einigen oder vielen gewollt – und entsprechend in die Wege geleitet. Kriege werden begonnen, mit oder ohne Kriegserklärung, 1914 durch jene, die Franz Josef I. am 28. Juli 1914 in Bad Ischl unterschrieb (vgl. ZEITFENSTER 6, S. 145, Schulbuch für Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung, erschienen bei Ed. Hölzel). Nach Öffnung aller hiefür wesentlichen Staatsarchive wird immer deutlicher, dass dies für den Ersten Weltkrieg ganz besonders gilt: Nur eine kleine Zahl einflussreicher Politiker und Militärs auf Seiten der Entente und der Mittelmächte sind für die Inszenierung des großen Völkerschlachtens verantwortlich.

Hundert Jahre danach hat sich so mancher Blickwinkel auf die Ereignisse angesichts jüngerer historischer Forschung verschoben, z.B. in Hinblick auf die lange behauptete alleinig maßgebliche Kriegshetze Deutschlands, etwa der sogenannte „Freibrief”  oder „Blankoscheck” der deutschen Verbündeten für das Losschlagen Österreich-Ungarns gegen Serbien. Die Aufforderung zum Krieg gegen Serbien durch Wilhelm II. ist nie eindeutig und schriftlich, sondern nur mündlich und über Umwege der österreichischen Gesandten erfolgt, welche Notizen über die Gespräche mit dem deutschen Kaiser festhielten und nach Wien leiteten.

Auch die Rolle Franz Josefs wird teilweise anders gesehen als die des dem Schicksal ergebenen, durch Berater manipulierten Oberbefehlshabers. Der Kaiser führte die Gespräche mit den Spitzen der Regierung und des Militärs stets in Zweiergesprächen, niemals hörte er unterschiedliche Standpunkte in laufender Diskussion der Spitzenbeamten. In der letzten entscheidenden Sitzung des Ministerrates vor dem Absenden des Ultimatums an Serbien fehlte Franz Josef – er weilte schon in seiner Sommerresidenz in Bad Ischl und ließ den Kriegsbefürwortern in Wien freie Hand. Ähnliche neue Sichtweisen ergeben sich für die handelnden Personen in Petersburg, Berlin, Paris und London.

Wer nicht so sehr die (natürlich wichtigen) Fakten zu den Ereignissen vor 1914 und zum Kriegsverlauf selbst ins Zentrum seiner didaktischen Überlegungen stellen möchte, wird wohl im Unterricht die großen Zusammenhänge zwischen Politik, Wirtschaft – 1914 war der Höhepunkt der sogenannten ersten Globalisierung – technischer Entwicklung und gesellschaftlicher Veränderungen in den Mittelpunkt rücken. Die Zeit der entscheidenden Kriegsvorbereitungen bzw. der Möglichkeiten, einen Krieg zu vermeiden, kulminieren im Juli 1914, was als „Julikrise” in die Weltgeschichte einging. Hier wurden die Weichen gestellt, für vieles, was in den nächsten 80 bis 90 Jahren folgte, in Europa und in fast allen Teilen der Welt. Die Leitlinien für den weiteren Unterricht in Zeitgeschichte und Politischer Bildung folgen den Spuren, die der Erste Weltkrieg hinterlassen hat und die die Welt z.T. noch heute in Atem halten, sei es die Rolle der USA als „Weltpolizist”, den Nahostkonflikt, die Kriege am Westbalkan, das Experiment des Kommunismus in der UdSSR, die europäische Integration u.a.m.

Zu den schwierigsten Fragen im Unterricht über den Ersten Weltkrieg wird wohl die Kriegsschuldfrage und die Frage nach den Kriegszielen der beteiligen Mächte gehören. Das oben zitierte Schulbuch ZEITFENSTER 6 von Ed. Hölzel versucht auf kompakte Weise auf 14 Seiten den Unterricht diesbezüglich zu unterstützen. Dabei sei vor allem auf die Erörterung der Kriegszielfrage und die Anregungen zum Workshop hingewiesen.

Arbeitsblatt 1 versucht in einem Gleichnis die innenpolitisch auseinanderstrebende k.u.k. Monarchie mit dem Ende einer Fußballmannschaft  zu charakterisieren, wobei die elf Spieler elf Nationalitäten Österreich-Ungarns repräsentieren. Hier gilt es erworbene Kenntnisse über die Entwicklung der Donaumonarchie kompetenzorientiert anzuwenden.

Download Arbeitsblatt 1

Arbeitsblatt 2 widmet sich der Bündnispolitik, die stets als verhängnisvoll dargestellt wird, aber per se noch kein Grund für einen Kriegsbeginn war. Mit diesem Blatt sollen die vermeintliche „Bündnislogik” und geopolitische Strategie der Mächte rekonstruiert werden.

Download Arbeitsblatt 2

Zum Schluss zwei aktuelle Literaturhinweise:

Christopher Clark: Die Schlafwandler -  Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. DVA-Sachbuch des Random House Verlages, 896 Seiten, München 2013. Originaltitel: The Sleepwalkers - How Europe Went to War in 1914, Originalverlag: Allen Lane, Penguin Group.

Für alle Fans von „Was wäre, wenn” Gedankenspielen sei auf den Roman von Hannes Stein „Der Komet” verwiesen (Galiani, Berlin 2012).  Die Handlung spielt um das Jahr 2000, aber in einer Welt, in der das Attentat auf Franz Ferdinand nie stattgefunden hat , der Erste Weltkrieg nie begonnen wurde und alle Folgen daraus sich nie entwickelt haben: Keine Oktoberrevolution, kein Aufstieg des Nationalsozialismus, kein Zweiter Weltkrieg, kein Holocaust. Amüsant.

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