Hölzel-Journal

Wirtschaftskundliches Seminar

WIRTSCHAFTSKUNDLICHES SEMINAR - Folge 2: Das ökonomische Prinzip

26. Mai 2008

Von: Wilhelm Malcik und Reinhard Schachermeier

Das WIRTSCHAFTSKUNDLICHE SEMINAR ist eine „Fortsetzungsgeschichte“ zur Vertiefung wirtschaftswissenschaftlicher und wirtschaftspädagogischer Kenntnisse. Jedes neue HÖLZEL-GEOJOURNAL setzt das Seminar in kleinen Einheiten als Download fort und folgt damit in überarbeiteter Form dem Handbuch zur Wirtschaftskunde in vier Bänden, wie es von 1990 bis 2001 bei Ed. Hölzel in mehreren Auflagen erschienen ist.

2. Das ökonomische Prinzip

2.1 Knappheit der Güter

Wir leben leider nicht im „Schlaraffenland“, also in immerwährender Bedürfnisbefriedigung. Wie schon gezeigt, gibt es fast keine freien Güter. Wir sind mit der Knappheit der Güter konfrontiert und damit am Angelpunkt der Wirtschaftswissenschaften angelangt.

Ohne Knappheit gäbe es keine wirtschaftlichen Probleme, keine Kosten und Preise, keinen Reichtum und keine Armut und auch kein Geld.

Knappheit ist die negative Differenz zwischen der Summe der Bedürfnisse und der Menge an verfügbaren Gütern.

Knappheit besteht auch dann, wenn wirtschaftliche Güter bis zur eigentlichen Bedürfnisbefriedigung Kosten verursachen und somit einen Preis haben. Selbst ein simpler Apfel muss gepflückt, sortiert, gelagert, transportiert und präsentiert (zum Verkauf angeboten) werden. Der zeitliche und/oder räumliche Abstand zwischen Produktion und Konsum verursacht Kosten.

Fallweise Überproduktionen bei technischen oder landwirtschaftlichen Erzeugnissen sprechen nicht grundsätzlich gegen die Knappheit der Güter; sie sind lediglich auf falsche Markteinschätzungen (z.B. Erzeugung von weiten Hosen, wenn gerade enge modern sind) oder auf agrarpolitische Maßnahmen (z.B. Preisgarantie für Milch oder Getreide) zurückzuführen.

Der Wissenschaftler John Kenneth Gailbrath (geb. 1908, “The afluent society“/„Gesellschaft im Überfluss“) und der Journalist Vance Packard (geb. 1914, “The waste makers“/„Die große Verschwendung“) haben auf das Ungleichgewicht zwischen den in großer Vielfalt (eventuell sogar im Überfluss) vorhandenen privaten Gütern und dem Mangel an öffentlichen Gütern wie Umwelt, Sicherheit, Altenbetreuung u. dgl. hingewiesen. Häufiger Modewechsel und suggestive Werbung verleiten zum Kauf von „unnötigen“ Gütern.

2.2 Das ökonomische Prinzip

Als „homo oeconomicus“ gilt jeder, der versucht, seine Mittel nach wirtschaftlichen Grundsätzen einzusetzen. Die Wünsche (Bedürfnisse) sind immer größer als die Möglichkeiten ihrer Erfüllung. Daher müssen alle Einzelpersonen, Familien, Unternehmen, Staaten, Volkswirtschaften usw. dauernd entscheiden (wählen), welche Bedürfnisse mit den relativ knappen Gütern befriedigt werden  sollen.

1. Minimalprinzip

Erfülle dir ein bestimmtes Bedürfnis so, dass du dafür eine möglichst geringe Menge an Mitteln aufwenden musst.

Manche Güter versucht eine Hausfrau so billig wie möglich einzukaufen. Sie wird die Preise der Supermärkte vergleichen, um herauszufinden, wo das gewünschte Waschmittel am günstigsten gekauft werden kann.

Im betrieblichen Bereich heißt das, eine gewünschte (gegebene) Menge an Gütern mit möglichst geringem Einsatz von Mitteln zu erzeugen. Der Betrieb wird trachten, das Produktionsziel mit möglichst geringem Material- und Personaleinsatz zu erreichen. Beispiele: Müllabfuhr in einer Gemeinde, Herstellung eines Taschenrechners, Buchen eines Fluges in die USA, Einholen von Kostenvoranschlägen für den Hausbau.

2. Maximalprinzip

Setze einen gegebenen Güter- oder Mittelvorrat so ein, dass sich dabei ein Maximum an Bedürfnisbefriedigung ergibt.

Bei anderen Gütern als Waschmittel usw. will sich eine Hausfrau mit dem restlichen Geld so viele Wünsche wie möglich erfüllen. Im betrieblichen Bereich heißt das, mit einer gegebenen Menge an Produktionsfaktoren eine möglichst große Gütermenge zu erzeugen. Beispiele: Entsendung von Hilfsgütern in die Sahelzone, Auswahl des Ferienziels bei gegebener Urlaubskasse, Anlage eines Geldbetrages zu möglichst günstigen Zinsen.

Das ökonomische Prinzip (auch: Rationalprinzip) ist nicht vom Wirtschaftssystem abhängig; es ist systemneutral. Auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Unternehmungen werden genauso danach verfahren wie soziale oder kirchliche Unterstützungseinrichtungen.

Kopiervorlage: Das ökonomische Prinzip

2.3 Kosten

Kosten sind eine zentrale wirtschaftliche Kategorie. Sowohl die Volkswirtschaftslehre (VWL) als auch die Betriebswirtschaftslehre (BWL) sprechen von Kosten und meinen damit (weitgehend) dasselbe:

Kosten sind Werteinsätze zur Leistungserstellung, ausführlicher: Kosten sind der wertmäßige Güter- und Dienstverzehr zur Erstellung einer Leistung und zur Aufrechterhaltung der Betriebsbereitschaft.

Im Folgenden werden die wichtigsten Kostenbegriffe erläutert.

1. Volkswirtschaftliche Kosten

Beim Werteinsatz spricht die Volkswirtschaftslehre vom Einsatz der Produktionsfaktoren. Somit werden die Kosten errechnet, indem man die eingesetzten Produktionsfaktoren mit den Faktorpreisen bewertet.

Kosten kann man auch auffassen als entgangener Nutzen (opportunity costs oder Alternativkosten), das sind jene Kosten, die dem Verlust entsprechen, wenn Güter oder vorhandene Mittel (z.B. Geld) auf bestimmte Weise verwendet werden und daher für eine andere Verwendung nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Kosten werden als Ertrags- oder Gewinnentgang betrachtet, wenn das Wirtschaftsgut in der nächstgünstigeren Verwendungsweise eingesetzt würde.

Beispiel 1: Mais kann man unmittelbar essen, zu Konserven verarbeiten, daraus Öl pressen oder Viehfutter erzeugen. Hat man sich für eine Verwendungsmöglichkeit entschieden, scheiden die anderen Möglichkeiten aus.

Beispiel 2: Ein nicht sehr begüterter Student kann mit 20 € ein Buch kaufen oder gut essen gehen. Das Buch kostet ihn den Verzicht aufs Essen und umgekehrt.

Diese Auffassung von Kosten gilt auch für ganze Volkswirtschaften: Sind alle Produktionsmittel voll beschäftigt, muss eine Entscheidung zwischen den zu produzierenden Gütern getroffen werden. Beispielsweise hat man sich in den ehemaligen Ostblockländern lange Jahre zu Gunsten von Verteidigungsausgaben zu Lasten der Konsumgüter entschieden.

Abb.: Produktionsmöglichkeitenkurve

Die Produktionsmöglichkeitenkurve (Transformationskurve) zeigt, dass bei Entscheidung für Punkt B die Verteidigungsgüter von a auf b ausgeweitet werden, während die Konsumgüter von d auf c sinken. Durch technischen Fortschritt und Ausweitung der Produktionsfaktoren kann die Kurve nach rechts verschoben werden, sodass Punkt D erreichbar wird.

Interne (private) Kosten entstehen in den jeweiligen Unternehmen. 
Externe (soziale) Kosten entstehen in der Volkswirtschaft. Beispiel: Benzin und Service sind interne Kosten des Autofahrens, der Ausbau der Verkehrsleiteinrichtungen und die Beseitigung der Umweltschäden verursachen externe Kosten.

Das wachsende Umweltbewusstsein hat auch zur Folge, dass möglichst viele externe Kosten in interne umgewandelt, also den Verursachern die Kosten für die Erhaltung der Umwelt angelastet werden.

2. Betriebswirtschaftliche Kosten

Fixe Kosten (Kosten der Betriebsbereitschaft) sind Kosten, die unabhängig von der Höhe der Produktion sind.
 
Variable Kosten sind in ihrer Höhe dagegen von der Produktionsmenge abhängig. Sie werden, etwas vereinfachend, meist proportional angenommen, d.h., dass sie sich im gleichen Ausmaß wie die Produktionsmenge verändern.

Beispiel: Die Miete für das Betriebsgebäude oder die Kosten des Portiers sind davon unabhängig, ob in einem Monat 10 000 oder 20 000 Stück eines Produkts erzeugt werden; dies sind Fixkosten. Der Materialverbrauch oder der Strom für die Maschinen verhalten sich proportional zur erzeugten Menge; dies sind variable Kosten.

Manche Kosten bestehen aus einer fixen und einer variablen Komponente, z.B. die Stromkosten aus der Grundgebühr und dem laufenden Verbrauch.

Die meisten Fixkosten sind allerdings nicht unbeschränkt fix. Irgendwann wird das Gebäude zu klein sein; man muss zusätzliche Flächen mieten oder kaufen. Wenn die Produktion sich zu einem Zweischichtbetrieb ausweitet, wird man auch einen zweiten Portier brauchen.

Die folgende Abbildung stellt den Zusammenhang zwischen fixen und variablen Kosten dar. An der Basis kann man sich den gleich bleibenden Block der Fixkosten vorstellen, auf dem die kontinuierlich wachsenden variablen Kosten aufsetzen. Für jede beliebige Menge können dann die Höhe der Kosten und das Verhältnis zwischen fxen und variablen Kosten abgelesen werden. Bei einer Menge von 100 Einheiten betragen z.B. fixe und variable Kosten jeweils 30 Geldeinheiten.

Abb.: Fixe und variable Kosten

2.4 Nutzen

Es ist unmöglich, den Wert der Dinge, die man kaufen kann, objektiv festzulegen. Immer handelt es sich um individuelle Einschätzungen.

Nutzen ist die jeweils subjektiv eingeschätzte Eignung eines Gutes zur Bedürfnisbefriedigung.

Der einem Gut zugeordnete Nutzen ist die Grundlage für die sowohl im privaten als auch im kollektiven Bereich ständig notwendigen Entscheidungen, die sich auf Art und Umfang der Nachfrage nach Gütern auswirken.

Die kardinale Nutzenlehre nimmt an, dass der Nutzen ebenso eindeutig messbar wäre wie physikalische Größen (z.B. das Gewicht). Sie ist die Basis der Grenznutzentheorie (Gossen’sche Gesetze). Sicher kennen Sie Redewendungen wie „Der erste Schluck schmeckt am besten“ oder „Allzu viel ist ungesund“. Dies deutet darauf hin, dass nicht alle Einheiten eines Gutes gleich geschätzt werden, ja dass der Nutzen sogar zu einem Schaden werden kann. Der deutsche Nationalökonom Hermann Heinrich Gossen (1810–1858) hat dies in zwei nach ihm benannten Gesetzen über den „Grenznutzen“ zum Ausdruck gebracht.

Grenznutzen ist jene Veränderung des Gesamtnutzens, die eintritt, wenn die Menge des Gutes um eine Einheit variiert (verkleinert oder vergrößert) wird. Er ist also der Nutzenzuwachs aus dem Konsum einer weiteren Mengeneinheit.

Das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen (das erste Gossen’sche Gesetz) heißt:

Der Grenznutzen eines Gutes nimmt bei wachsendem Konsum ab.

Mit zunehmender Bedürfnisbefriedigung nimmt die Intensität eines Bedürfnisses ab, bis sie bei Bedürfnissättigung den Nullpunkt erreicht.

Beispiel: Die erste Tasse Tee trinkt man mit großem Vergnügen, die zweite auch noch recht gerne. Nach der dritten oder vierten hat man keinen Durst mehr. Die fünfte würde man nur mit Widerwillen hinunterbringen.

Bei den Existenzbedürfnissen nimmt die Bedürfnisbefriedigung sehr rasch zu; bei den Kultur- oder Luxusbedürfnissen kann es sogar dazu kommen, dass mit steigendem Konsum der Bedarf steigt: Ein Opernfan wird immer mehr Aufführungen sehen wollen. Ein Computerfreak hat immer steigenden Bedarf nach Computerspielen.

Das Gesetz vom Ausgleich der Grenznutzen (das zweite Gossen’sche Gesetz) heißt:

Jemand erreicht das Maximum an Bedürfnisbefriedigung, wenn der Grenznutzen jedes der von ihm konsumierten Güter gleich dem der übrigen ist, wenn also der Grenznutzen einer Einkommenseinheit in jeder Verwendungsart gleich hoch ist.

Beispiel: Vor Antritt einer Reise hat jemand sehr großen Hunger, einigen Durst und den Wunsch nach Lesestoff. Er hat aber nur 8 € zur Verfügung. Angenommen, er kauft sich drei Wurstsemmeln zu je 1 €, zwei Dosen Cola zu je 1 € und ein Taschenbuch zu 2 €. Er wird vielleicht nicht ganz satt sein, könnte auch etwas mehr zum Trinken und Lesen vertragen, doch insgesamt hat er ein ausgewogenes Verhältnis der Bedürfnisbefriedigung erreicht. Sollte sich doch noch zusätzliches Geld finden, so könnte es gleichwertig (mit gleichem Grenznutzen) für Essen, Trinken oder Lesen ausgegeben werden.

Die Gedanken Gossens wurden später in der so genannten „Wiener Schule“ von Carl Menger (1840–1921) und Eugen von Böhm-Bawerk (1851–1914; zeitweise Finanzminister) übernommen. Mit diesen Theorien sollte das Zustandekommen der Preise am Markt erklärt werden.

Die ordinale Nutzenlehre geht davon aus, dass der Nutzen nicht in absoluten Einheiten messbar ist, sondern dass der Konsument lediglich eine Reihenfolge seiner Nutzeneinschätzung erstellt, ohne aber genau sagen zu können, um wie viel sich ein Nutzen von einem anderen unterscheidet. Ein Verbraucher denkt demnach in unterschiedlichen Nutzenniveaus verschiedener Güterkombinationen. Die Nutzenvorstellung bezieht sich also nicht nur auf ein Gut, sondern immer auf mehrere (mindestens zwei) gleichzeitig im Vergleich. Die ordinale Nutzenlehre versucht, aus den Bedürfnissen und aus dem Einkommen der Haushalte sowie aus den Preisen der Konsumgüter die Nachfrage zu bestimmen. Allerdings werden andere Einflussgrößen wie Snob-Effekt (Geltungskonsum: Man kauft teure Autos oder Uhren, um den anderen damit zu imponieren) oder Bandwagon-Effekt (Nachahmung des Gruppenverhaltens: Wenn viele andere Golf spielen gehen, geht man auch) nicht berücksichtigt. Dabei wird von allen Personen vollkommene Information und Markttransparenz sowie total rationales Verhalten (Nutzenmaximierung) vorausgesetzt.

Die Revealed-Preference-Analyse von Paul A. Samuelson (geb. 1915) versucht, die Nachfragekurve nicht aus Nutzenvorstellungen der Konsumenten, sondern in Form eines empirischen (auch: behavioristischen) Ansatzes aus tatsächlich beobachtbarem Verhalten abzuleiten, nämlich aus den Präferenzen der Haushalte für eine bestimmte Güterkombination. Es wird angenommen, dass sich die Bedürfnisstruktur nicht ändert, was jedoch in der Praxis nicht der Fall ist.

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