Hölzel-Journal

Wirtschaftserziehung

Bekleidungsindustrie im Ethiktest: Keine weißen Westen

22. Oktober 2008

Von: konsument.at

Regelmässig veröffentlicht die Zeitschrift „Konsument“ Tests und Artikel zum Thema ethischer Konsum bzw. Unternehmensethik. Darin werden Hersteller und Händler auf ihre Unternehmensethik (CSR - Corporate Social Responsibility) getestet und Leser über ethischen Konsum (inklusive Geldanlagen) informiert. Mit freundlicher Genehmigung von "Konsument" bringen wir hier einen Artikel, der Einblicke in die Praktiken der Bekleidungsindustrie gibt, ergänzt um ein von uns didaktisch aufbereitetes Arbeitsblatt, passend zu diesem Artikel.

KEINE WEISSEN WESTEN

Bekleidungsindustrie im Ethik-Test

Image in der Modebranche  

Der schwedische Moderiese Hennes & Mauritz hat dank seinem Konzept, Designerkleidung zu imitieren und mit massivem Werbeaufwand zu einem konkurrenzlos billigen Preis anzubieten, einen rasanten Aufschwung zu Europas führendem Textilhandelskonzern genommen. Berichte über katastrophale Zustände in den Zulieferbetrieben drohten jedoch das schicke Image zu zerstören. Als 1997 in Schweden eine TV-Dokumentation über Kinderarbeit in philippinischen Fabriken im Dienste von H&M ausgestrahlt wurde, war Feuer am Dach der Konzernzentrale. Das Management ging in die Offensive und verabschiedete einen freiwilligen Verhaltenskodex, den sämtliche Subunternehmer unterschreiben mussten.
Der Konzern scheute sich auch nicht, mit seinen Kritikern eng zusammenzuarbeiten. Heute kann sich Hennes & Mauritz als „Klassenbester“ bezeichnen. Im Ethik-Test, den wir zusammen mit anderen europäischen Verbraucherorganisationen in Auftrag gegeben haben, erreichte der schwedische Markenhersteller 73 Prozent der möglichen Punkte und führt das Ranking deutlich vor dem spanischen Mitbewerber Mango an.

H&M: Vorsprung dank Kritik

Das vergleichsweise gute Abschneiden von H&M ist nicht nur dem hohen Verantwortungsbewusstsein der Konzernspitze zu verdanken, einen nicht unbeträchtlichen Anteil an diesem Erfolg haben die Clean Clothes Kampagne und andere Organisationen, die die sozialen und ökologischen Missstände in den düsteren Fabriken in Fernost oder Lateinamerika ans Tageslicht gezerrt haben und nicht müde wurden, menschenwürdige Arbeitsbedingungen einzufordern. Man würde sich auch bei anderen Modemachen wie Benetton oder Esprit angesichts ihres schlechten Abschneidens bei dieser Untersuchung ein Umdenken wünschen: Sie haben bis dato noch gar nicht angefangen, sich den sozialen und ökologischen Herausforderungen zu stellen.

Die Markenkonzerne der Modeindustrie unterhalten ihre eigenen Filialen und dominieren solcherart den Markt (die drei größten Einzelhändler in Europa sind H&M, Zara und C&A). Auf der Produktionsebene herrscht eine gegenläufige Tendenz vor: Es gibt fast keine Unternehmen mehr, die ihre Produkte in eigenen Fabriken herstellen. Ein typischer Markenkonzern hat 400 bis 800 Zulieferbetriebe, vor allem in China, aber auch in der Türkei und in Marokko.

Kaum Eigenproduktion

Die Auslagerung der Produktion zielt darauf ab, die Herstellungskosten zu senken. Verschärft wurde dieser Trend durch das Aufkommen des Strichcodes. Jeder Kaufvorgang wird durch den Strichcode elektronisch festgehalten, damit verbunden ist ein automatisches Bestellsystem, das es dem Händler ermöglicht, zur rechten Zeit genau die erforderliche Anzahl an Produkten nachgeliefert zu bekommen („fast fashion“). So kann der Händler das Risiko, auf unverkäuflicher Ware sitzen zu bleiben, drastisch reduzieren; natürlich wird dadurch auch das in Form hoher Lagerbestände gebundene Kapital vermindert .

Für den Lieferanten bedeutet es dagegen, dass er schneller und zu höheren Kosten produzieren muss. Von 2000 bis 2005 haben sich, Schätzungen zufolge, die Produktionszeiten in der Bekleidungsindustrie um 30 Prozent verringert.

Code of Conduct reicht nicht aus

Gleichzeitig versuchten die großen Handelsketten, durch die Verpflichtung zu einem freiwilligen Verhaltenskodex (Code of Conduct) aus dem Schussfeld der Kritik zu kommen. Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Diskriminierung oder Behinderung gewerkschaftlicher Aktivitäten waren fortan verpönt. In unserer Untersuchung trifft dies für die meisten Unternehmen zu. Nur Benetton, Promod und Stefanel haben bis heute keinen Code of Conduct, der diesen Namen verdient.

Bald war klar, dass die Einhaltung der Verhaltensregeln auch kontrolliert werden muss. Einige Unternehmen begnügten sich mit dem Beitritt zur BSCI (Business Social Compliance Initiative) – ein wenig verbindlicher Ansatz. Andere wiederum erkannten, dass sie sich mit ihren Kritikern an einen Tisch setzen mussten, und traten Initiativen bei, in der auch NGOs und Gewerkschaften präsent waren. So arbeitet beispielsweise H&M mit der Fair Labor Association zusammen, Mexx mit der Fair Wear Foundation und Zara mit der Ethical Trading Initiative.

Transparenz bis zum Arbeiter

Ein wichtiges Kriterium für die Glaubwürdigkeit eines Unternehmens ist die Offenlegung der Beschaffungskette („supply chain“). Wer alle Produktionsstätten nennt, die für ihn arbeiten, signalisiert damit, dass er nichts zu verbergen hat. Doch dieses Kriterium erfüllt im Test nur Mango.

Die Löhne liegen häufig unter dem Existenzminimum. Die niedrigsten Stundenlöhne werden laut einer ILO-Studie in Pakistan gezahlt: 17 Cent. Das Versprechen, die staatlichen Mindestlohnbestimmungen einzuhalten, greift zu kurz. So hat sich der Mindestlohn in Bangladesh in den letzten zehn Jahren unter Berücksichtigung der Geldentwertung halbiert. Wichtig wäre daher die Verpflichtung, „living wages“ zu zahlen – Löhne, die die Lebenshaltungskosten decken. Aber nur ein einziges Unternehmen hat sich dazu – zumindest theoretisch – verpflichtet: Zara.

Hohe Belastungen für Mensch und Umwelt

Auch im Hinblick auf die Umwelt steht nicht alles zum Besten. Für Baumwolle werden riesige Mengen von Schädlingsbekämpfungsmitteln benötigt, mehr als für jedes andere Agrarprodukt. 16 Prozent der weltweit verwendeten Insektizide werden in der Baumwollproduktion eingesetzt. Das hat nicht nur auf die Umwelt Auswirkungen, sondern mehr noch auf die Baumwollpflücker. Bis zu 3 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeiter weltweit leiden unter Vergiftungen, die von Insektiziden herrühren; in absoluten Zahlen sind das fast 80 Millionen Menschen.

Darüber hinaus benötigt Baumwolle Unmengen von Wasser. Für 1 kg Baumwollfaser werden zwischen 7000 und 29.000 Liter Wasser verschwendet. Der hohe Wasserverbrauch hat unter anderem zur Austrocknung des Aralsees in Zentralasien geführt.

Aber auch nachgelagerte Produktionsstufen verwenden große Mengen an schädlichen Chemikalien: Formaldehyde und perfluorierte Chemikalien zur Oberflächenbehandlung der Stoffe, krebserregende Farbstoffe (wie Anilin) und Schwermetalle zum Färben der Stoffe, aromatische Lösemittel, flüchtige organische Verbindungen, bioakkumulative Substanzen, PVC usw.

Alternativen zur Baumwolle?

Dabei gäbe es durchaus Alternativen zur Verwendung von Baumwolle. Nicht Polyamid oder Polyester sind damit gemeint, denn laut einer Lebenszyklusanalyse der Cambridge Universität sind Naturfasern alles in allem umweltfreundlicher als synthetische Fasern. Als besonders nachhaltig gilt Hanf, aber auch Bambus oder Leinen.

Will der Konsument ökologisch und sozial bewusst kaufen, könnte er auf Produkte, die in als besonders kritisch eingeschätzten Ländern hergestellt wurden, verzichten; oder er wählt biologische bzw. fair gehandelte Kleidung. Das kann er aber nicht wirklich, weil es nur ein minimales Angebot an Kleidung mit einem Bio- oder Fairtrade-Zeichen gibt. Nicht einmal die Kennzeichnung der Herkunft ist selbstverständlich (siehe in der Tabelle die Angaben zur Markterhebung bzw. Gruppenurteil Produktpolitik).

Druck auf Lieferanten

Generell haben wenigstens einige Markenhersteller erkannt, dass man sich sozial und ökologisch engagieren muss. Doch die hochtrabenden Grundsätze sozialer Verantwortung stehen in scharfem Gegensatz zur Praxis der Branche, die Lieferzeiten zu verkürzen, Risiken auf die Lieferanten abzuwälzen und die Preise zu drücken. Die Zulieferbetriebe geben den Druck an ihre Arbeiter weiter, die Einhaltung sozialer Mindeststandards wird auf diese Weise verunmöglicht. Die Folge davon, so wird unter der Hand berichtet: Die Lieferanten fälschen Dokumente und legen den Kontrolloren geschönte Aufzeichnungen vor. Ein Fabrikmanager in Shenzen, China, bringt es auf den Punkt: „Ich kenne die Machtverhältnisse zwischen der Einkaufsabteilung und der für soziale Verantwortung zuständigen Stelle meines Auftraggebers gut genug, um zu wissen, wer wirklich das Sagen hat.“ Soll heißen: Die Lieferbedingungen werden strikt eingehalten, bei den sozialen Auflagen wird nichts so heiß gegessen … Eine substanzielle Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist nur möglich, wenn das Problem an der Wurzel bekämpft wird, und das ist die rigide Einkaufspolitik der Konzerne.

Download: Kopiervorlage Bekleidungsindustrie und Markenfirmen

Wir verweisen in Zusammenhang mit diesem Thema auf unser Schulbuch Raum – Gesellschaft – Wirtschaft 8 neu, S. 37. Hier finden Sie die „Weltreise einer Jean“, also die supply chain vom Rohstoff bis zum Jeansshop.

Raum – Gesellschaft – Wirtschaft 8 neu

 
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