Hölzel-Journal

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Darfur – Der vergessene Konflikt

8. September 2008

Von: Wilhelm Malcik

Die Welt blickt angespannt auf den Kaukasus, auf den amerikanischen Wahlkampf, die EU ist mit sich selbst beschäftigt, China war zuletzt in den Medien überpräsent – Afrika scheint zum "vergessenen Kontinent" zu werden. Hier tobt seit Jahren ein Konflikt, der zu den größten humanitären Katastrophen der letzten Jahrzehnte gezählt werden kann: Darfur im Sudan

Krisenregion Darfur

Seit 1983 toben im Sudan Bürgerkriege zwischen der Zentralregierung in Khartum und den westlichen (Darfur), südlichen und östlichen Provinzen des Landes. Es handelt sich dabei um klassische Zentrum-Peripherie-Konflikte, da Khartum diese räumlich und sozioökonomischen Randregionen marginalisiert.

Der Sudan ist mit 2,5 Mio. km2 der größte Staat Afrikas. Er war bis 1953 britische Kolonie und ist gemäß der Verfassung von 1998 eine islamische Republik, wird aber seit 1989 von einer Militärregierung regiert. Staatsreligion ist der Islam. Rund 40 % der Bevölkerung sind vor allem im Norden des Landes arabischer Abstammung, 52 % sind Schwarzafrikaner, besonders im Süden des Landes. Sudan gehört zu den ärmsten Entwicklungsländern in Afrika. Die soziale Absicherung und die medizinische Versorgung sind unzureichend. Die Analphabetenrate liegt bei 29 Prozent bei Männern und 51 Prozent bei Frauen. 40 % der Bevölkerung sind jünger als 15 Jahre (2006).

Darfur ist eine gebirgige Landschaft zwischen Nil und Tschadbecken, ein vom Jabal Marrah (3088 m) überragtes Hochplateau. Das im 16. Jahrhundert gegründete Königreich Darfur („Land der Fur“) wurde 1916 dem Sudan angegliedert. Angepflanzt werden in erster Linie Hirse, Mais, Tabak, die Gewinnung von Gummiarabikum ist verbreitet. Der Hauptort von Dafur ist Al-Faschir (rund 150 000 Einwohner).

Traditionell konkurrieren in Darfur sesshafte afrikanische Stämme, wie zum Beispiel Fur, Zaghawa und Massalit, mit arabischstämmigen Nomaden um knappe Ressourcen. Diese Spannungen konnten lange Zeit unter Kontrolle gehalten werden. Durch eine weitere Verknappung von Weideland und Wasser als Folge von fortschreitender Versteppung und Trockenperioden wurde der Konflikt seit den 1980er Jahren verschärft.

Der Konflikt in Darfur ist eine seit 2003 andauernde bewaffnete Auseinandersetzung zwischen den in Darfur ansässigen schwarzafrikanischen Stämmen und der Zentralregierung in Khartum. Der Konflikt eskalierte, als eben mit den Rebellen im Südsudan, der SPLA (Sudan Peoples Liberation Army), ein Waffenstillstand gefunden und über eine gerechtere Verteilung der Einnahmen aus der südsudanesichen Erdölförderung verhandelt wurde.

In Darfur fordern die aus den schwarzafrikanischen Stämmen hervorgegangenen Rebellenbewegungen gleichfalls mehr Mitbestimmung im Staat und eine Entwicklung ihrer Region. Um gegen den Aufstand vorzugehen, nutzt die Zentralregierung hauptsächlich lokale Milizen, bestehend aus arabischen Reiter-Nomaden. Diese Milizen werden Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung wie Zerstörung von Dörfern, Massaker und Vergewaltigungen vorgeworfen. Schätzungsweise 400.000 Menschen sind bislang durch den Konflikt umgekommen, 2,5 Millionen wurden intern vertrieben. Der Konflikt hat sich auch auf grenznahe Gebiete Tschads und der Zentralafrikanischen Republik ausgeweitet.

Intern vertriebene Personen oder Binnenflüchtlinge sind Personen, die gewaltsam aus ihrer angestammten und rechtmäßigen Heimat vertrieben wurden, bei ihrer Flucht – im Unterschied zu Flüchtlingen im rechtlichen Sinn – keine Staatsgrenze überschritten haben und im eigenen Land verblieben sind. Gründe für diese interne Vertreibung sind bewaffnete Konflikte, Gewalt, Menschenrechtsverletzungen und Naturkatastrophen. Betroffen davon sind weltweit rund 26 Mio., allein im Sudan 5,8 Mio. Menschen.

Seit 1. Januar 2008 soll die Friedensmission UNAMID (UN plus Afrikanische Union) als weltgrößte Friedenstruppe in Darfur stationiert werden, um für Frieden zu sorgen. Bisher befinden sich jedoch von den für die Mission einzusetzenden 26.000 Polizisten und Soldaten erst rund 11.000 vor Ort im Einsatz. Blockierende Maßnahmen der Regierung, bürokratische Hürden sowie Probleme bei der Zusammenarbeit der Truppenteile erschweren die Mission bislang erheblich.

Von der Weltöffentlichkeit derzeit wenig beachtet nimmt der Bürgerkrieg immer brutalere Züge an. Hilfsorganisationen werden überfallen, die Hybridmission der UNO und der Afrikanischen Union ist damit beschäftigt, sich selbst zu verteidigen, anstatt die Flüchtlingslager und die etwa 100 Verteilzentren für Überlebenshilfe zu bewachen.
Jahreszeitlich bedingt gehen die Vorräte aus der letzten Ernte zur Neige, die heurige Ernte ist noch nicht eingebracht oder kann wegen der Kriegswirren gar nicht eingebracht werden. So entsteht ein so genanntes "hunger gap", eine Ernährungslücke, welche die Menschen massenweise in die Flüchtlingscamps treibt.

Nyala ist zur Zeit das größte Flüchtlingslager der Welt mit rund 100 000 Menschen, die, hier erst einmal angekommen, nicht mehr in ihre Dörfer zurück wollen. Vielmehr brechen in den Lagern Stammesfehden aus, wie sie unter den Aufständischen und ihren Anführern (war lords) schon lange üblich sind.

Ein Gebiet von der Größe Frankreichs kann von der UNAMID in keiner Weise mehr überblickt werden, die NGOs stellen die Lieferungen ein, die Welthungerhilfe zieht sich aus Darfur zurück. Zurück bleibt der nackte Überlebenskampf für die ansässige Bevölkerung.

Das US-Magazin "Foreign Policy" hat den Sudan 2007 an die Spitze der Liste der gescheiterten Staaten (failed states) gereiht, gefolgt vom Irak und von Somalia. Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC), Luís Moreno-Ocampo, beantragte 2008 einen Haftbefehl gegen den Staats- und Regierungschef des Sudan, al-Baschir. Sudans mächtigem Mann wird unverblümt Völkermord vorgeworfen. In seinem jüngsten Bericht an den UN-Sicherheitsrat hatte Moreno-Ocampo die sudanesische Region Darfur als "einen einzigen Ort des Verbrechens" bezeichnet.

Hinweise für den Unterricht

Das Thema Sudan liegt didaktisch eingebettet einmal in der Sahelzone Afrikas und kann damit ein Beispiel für einen regionalen Konflikt über die Verfügbarkeit von knappen Ressourcen sein, zum anderen aber auch die dahinter stehenden politischen Interessen erklären.

Die Schulbücher von Ed. Hölzel bieten zu dieser Thematik auf verschiedenen Schulstufen ähnliche Beispiele aus Afrika.

Das Schulbuch Hölzel-GW 4 Faszination Erde  von Ed. Hölzel thematisiert im Kapitel "Zentrum-Peripherie" auf S. 97 die Folgen von Bürgerkriegen wie im Sudan am Beispiel der Demokratischen Republik Kongo. Dazu gibt es eine Karte der weltweiten Flüchtlingsströme.

In Band 4 von GW-Module finden Sie auf S. 64 unter dem Kapitel "Die ärmsten Länder der Welt" zwei Lernmodule zur Armut in Äthiopien.
Auf den S. 72-73 widmen sich im Kapitel "Nordsüdkonflikt oder Entwicklungszusammenarbeit" fünf Module der Lage in Äthiopien und der Entwicklungszusammenarbeit zwischen Österreich und Äthiopien.

Das Schulbuch RGW 5 NEU von Ed. Hölzel deckt diese Lehrplanaspekte mit dem Kapitel "Im Kampf mit der Natur" auf den S. 96-101 ab und zeigt eine genaue Karte der Bodenzerstörung in der Sahelzone. Im selben Buch wird die politische Komponente an einer dem Sudan benachbarten Region aufgegriffen: Im Kapitel "Hunger und Not durch Politik" auf S. 81 werden die Ursachen und Folgen von ethnischen Konflikten, wie sie in Darfur auftreten, am Beispiel Äthiopien-Eritrea gezeigt.

Im Schulbuch WELTSICHTEN 1 von Ed. Hölzel finden Sie das Thema "Desertifikation" anschaulich aufbereitet (S. 47-48) mit einem übersichtlichen Ursache-Wirkungsschema als Beispiel zum Methodenlernen. Ein Überblick über Afrika und seine von der Weltpolitik scheinbar vergessenen Probleme gibt dieses Schulbuch auf den S. 110 - 113.

Wir fügen diesem Artikel eine stumme politische Karte von Afrika zum Download bei.

Download: Stumme politische Karte von Afrika

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