Hölzel-Journal

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Ist kürzer arbeiten eine Lösung?

15. Februar 2016

Von: Wilhelm Malcik

Angesichts von über 400.000 Arbeitslosen wird eine alte Debatte wieder eröffnet: Könnte die 35-Stundenwochen eine Entlastung auf dem Arbeitsmarkt bringen?

Eine altbekannte, jetzt neu belebte Forderung: Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden

Schon in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die Einführung einer 35-Stundenwoche zur besseren Aufteilung des Arbeitsvolumens und damit zur Senkung der Arbeitslosigkeit heftig diskutiert. In Frankreich gilt seit dem Jahr 2000 die 35-Stundenwoche als Normarbeitszeit, allerdings mit vielen Ausnahmen, mit der Möglichkeit der flexiblen Handhabung durch die Tarifpartner und durch spezielle Überstundenregelungen. Arbeitsmarktexperten beurteilen die französische 35-Stundenwoche nicht als effizient in Hinblick auf die Schaffung von mehr Arbeitsplätzen.

Worum es eigentlich geht

Betrachtet man das gesamte Arbeitszeitvolumen, so ergibt sich eine sehr ungleiche Verteilung auf die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Rund 270 Mio. geleisteten Überstunden steht eine wachsende Anzahl Arbeitsloser gegenüber. Eine einfache Rechnung läge daher nahe, die Arbeitszeit besser auf das Arbeitskräftepotential zu verteilen, was unter anderem eine Umverteilung von Überstunden auf neue Arbeitsplätze bedeuten würde.

Es ist kein Zufall, das die jüngsten Forderungen nach einer Arbeitszeitverkürzung (AVZ) auf 35 Stunden von der Gewerkschaft der Privatangestellten GPA-djp kam, wird doch ein großer Teil der Überstunden im Angestelltenbereich erbracht wie auch im öffentlichen Dienst. Die Vollzeitarbeitskräfte arbeiten mit einer typischen Arbeitszeit von 43 (Eurostat 2014) Wochenstunden nach Griechenland am meisten innerhalb der EU. Dieser Wert sinkt aber drastisch, rechnet man die Teilzeitarbeit mit ein. In Österreich wird nach den Niederlanden am meisten in Teilzeit gearbeitet.

Nach Mikrozensus-Erhebungen wird bis zu einem Viertel der Überstunden unbezahlt geleistet. Dies hat seine Ursachen in der zunehmenden Flexibilisierung der Arbeitszeit und in den ebenso zunehmenden All-In-Dienstverträgen, die quasi eine Überstundenverpflichtung enthalten.

Abb.: Der hierarchische Aufbau des Arbeitsrechts legt fest, dass keine arbeits- und dienstrechtliche Regelung für den einzelnen Arbeitnehmer schlechter sein darf, als die darüber liegenden Bestimmungen (Günstigkeitsprinzip).

Politische Lösungsansätze

Als Einstieg in die Umverteilung von Arbeitszeit gilt eine Forderung der Arbeitskammer und des Sozialministers:

Die Presse, 15.6.2015:
Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) will Überstunden stärker besteuern und im Gegenzug die Lohnnebenkosten für „reguläre“ Arbeitszeit senken. Das erklärte er am Sonntag in der ORF-„Pressestunde“. Konkret soll der Arbeitgeber pro Überstunde einen Euro zahlen. Gleichzeitig sollen die Krankenversicherungsbeiträge für die Unternehmen von 3,7 auf 3,6 Prozent gesenkt werden. Mit dem Überstunden-Euro solle ein Anreiz geschaffen werden, die Mehrarbeit auf zusätzliche Mitarbeiter zu verteilen, erklärte Hundstorfer, der mit dieser Maßnahme auf 8300 neue Arbeitsplätze baut. Es gebe österreichweit 270 Millionen Überstunden, 60 Millionen davon unbezahlt. Der Minister will mit der Abgabe 200 Mio. Euro einsammeln, die in die Sozialversicherung fließen sollen. Es gehe darum, die in Österreich sehr hohe wöchentliche durchschnittliche Arbeitszeit zu senken.

Die Unternehmerseite steht diesen Vorstellungen ablehnend gegenüber und betrachtet eine Überstundenabgabe als Strafsteuer, wie eine Presseaussendung der Wirtschaftskammer vom 18. 5. 2015 zeigt:

Die Rechnung „Strafsteuer zur Finanzierung einer Lohnnebenkostensenkung“ und „weniger Überstunden = mehr Arbeitsplätze“ ist  aus mehreren Gründen eine Milchmädchenrechnung: „Diejenigen, die die Überstunden machen, sind gefragt auf Grund ihrer Qualifikationen, auf Basis der sie im Stande sind, die anfallenden Arbeiten zu erledigen. Daher ist die Arbeitslosigkeit dieser qualifizierten Kräfte bereits jetzt gering und könnte durch eine Reduktion der Überstunden nicht gesenkt werden.“ Überstunden kommen Unternehmen zudem sehr teuer - 100% und mehr Zuschläge - sodass sie nicht aus Spaß an der Freude entstehen, sondern um anfallende Aufträge zeitnah abarbeiten zu können.

Eine weitere in Diskussion befindliche Maßnahme wäre ein Reduktion der Normalarbeitszeit auf 38,5 Stunden. Dies ist in vielen Kollektivverträgen bereits der Fall, gilt aber nicht für die gesamte Arbeitswelt. Betroffen davon sind rund 1 Million Arbeitnehmer.

Das Modell der 35-Stundenwoche als Normalsarbeitszeit geht einen Schritt weiter und ist wirtschaftspolitisch noch kontroversieller. Denn bei allen AZV steht die Frage des Lohnausgleichs im Mittelpunkt. Laut einer IFES-Umfrgae würde zwar immerhin ein Viertel der Arbeitnehmer eine 35-Stundenwoche ohne Lohnausgleich befürworten, bei gleich bleibendem Gehalt wären sogar zwei Drittel dafür. Eine AZV mit aliquoten Lohn- und Gehaltskürzungen würden wohl die wenigsten akzeptieren und zu weniger Sozialversicherungsbeiträgen und zu weniger Konsum führen, wenn es nicht gelingt, die gekürzte Arbeitszeit durch zusätzliche Arbeitsplätze wettzumachen.

Die Wirtschaftskammer stellt dem Ansinnen nach AZV die Forderung nach mehr Flexibilisierung der Arbeitszeit entgegen. Dazu zählt die Ausweitung der Normalarbeitszeit und der täglichen Höchstarbeitszeit von 10 auf 12 Stunden und der wöchentlichen Höchstarbeitszeit von 50 auf 60 Stunden. Zugleich sollte der Durchrechnungszeitraum für Überstunden auf zwei Jahre ausgedehnt werden.

Die Gewerkschaften fürchten jedoch, dass immer mehr bislang steuerlich begünstigte Überstunden als bei vielen Arbeitsnehmern willkommene Einkommensbestandteile wegfallen und durch zeitliche Ausgleichregelgungen ersetzt werden.

Wir bieten zu dieser Thematik ein Arbeitsblatt als Diskussionsgrundlage an, mit dem Schülern und Schülerinnen im Rahmen des GW-Unterrichtes oder der Politischen Bildung Einblicke in die Sozial- und Wirtschaftspolitik gegeben werden können, zumal sie ja in wenigen Jahren selbst davon betroffen sein werden.

Download: Arbeitsblatt - Diskussionsgrundlage Arbeitszeitverkürzung

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