Hölzel-Journal

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Crowdfunding – eine neue Form der Finanzierung

11. Juni 2015

Von: Wilhelm Malcik

Die seit der letzten Wirtschaftskrise zurückhaltende Kreditvergabe für junge Unternehmen oder für konkrete Investitionsprojekte von KMU hat eine neue Form der Untermehensfinanzierung populär gemacht - Crowdfunding.

Crowdfunding 

Dieser Beitrag versteht sich als Information für eine Aktualisierung des Lehrstoffes in den bei Ed. Hölzel erschienenen Schulbüchern.

Meridiane 7, S. 218 - 220 „Finanzierung und Investition“

Raum-Gesellschaft-Wirtschaft 7 neu, S. 92

Karriere im Beruf, verschiedene Ausgaben für Berufsschulen, Kapitel „Finanzierung“

Der Fall des Waldviertler Schufabrikanten H. Staudinger hat den Begriff  Crowdfunding  in Österreich bekannt gemacht und  für mediales Aufsehen gesorgt. Weil er von seiner Hausbank keinen Kredit mehr bekam, hat  Staudinger Darlehen in Höhe von rund drei Millionen Euro von 195 Kunden, Bekannten und Sympathisanten zur Finanzierung einer Photovoltaikanlage und einer Lagerhalle angenommen.

Die Finanzmarktaufsicht (FMA) hat bei diesem Finanzierungsmodell einen Verstoß gegen das Bankwesengesetz (BWG) festgestellt und 2012 die Unterlassung sowie die Rückzahlung angeordnet, weil Kredite nur eine Angelegenheit von Banken sein dürfen. Darüber hinaus wurde gegen den Unternehmer eine Verwaltungsstrafe verhängt. Sowohl der Verwaltungsgerichtshof als auch der Verfassungsgerichtshof haben sich der Ansicht der FMA angeschlossen.

Eine der Ursachen dafür, dass Crowdfunding – also das Einsammeln von Privatkapital für karitative oder unternehmerische Zwecke – in letzter Zeit rasant an Bedeutung gewonnen hat, liegt in der seit der Wirtschaftskrise 2008 mehr oder weniger anhaltenden Kreditklemme, vor allem für kleinere Unternehmen und bei Jungunternehmen (startups).

Was  ist Crowdfunding?

Die Crowd bilden viele Menschen, die sich mit kleinen Beträgen an der Finanzierung einer Idee beteiligen wollen. Die Probleme dabei liegen darin, dass im Unterschied zu den etablierten Formen der Finanzierung die gesetzlichen Regeln dafür oft unklar sind bzw. erst geschaffen werden mussten.

Eine wesentliche Rolle bei dieser Form der Finanzierung spielen das Internet und seine sozialen Medien, um interessante Projekte bekannt und den Kreis von investitionsbereiten Leuten groß zu machen. Auch die Interaktion zwischen Unternehmer und Geldgebern hinsichtlich der Abwicklung des Crowdfunding wird durch moderne Webtechnologie erleichtert.

Mittlerweile gibt es Plattformen, die als Vermittler zwischen Geldgebern und Geldnehmern auftreten. Dadurch kann der Geldgeber sein Investment auf mehrere Projekte aufteilen und das dem Crowdfunding immanente Risiko des Totalverlustes minimieren. Denn dieses Risiko besteht für Anleger praktisch immer. Immerhin überleben rund ein Drittel der Start-ups die ersten drei Jahre nicht. Die Crowdinvestoren sind dann mittels Genussscheinen oder als typische stille Gesellschafter am Unternehmen beteiligt.

Wesentliche Arten von Crowdfunding

1. Spenden (Crowddonating)

Letztlich ist jede Spende ohne Gegenleistung oder Beteiligung eine Form von Crowdfunding. Es geht darum, Projekte oder Organisationen zu unterstützen. Die Spender beteiligen sich in der Regel mit sehr geringen Beträgen.
Beispiel: Konkrete Aktionen von „Nachbar in Not“.

2. Darlehen (Crowdlending)

Beim Crowdlending kommt es zu keiner Beteiligung am Unternehmen, sondern zur Vergabe von Darlehen. Seit bereits vielen Jahren bekannt ist die Idee der Mikrokredite. Crowdfunding als Darlehen gegen festgelegte Zinsen und Laufzeiten entspricht dieser Idee auf privater Basis. Der private Geldgeber verleiht sein Geld über einen Plattformbetreiber oder direkt an eine Person oder ein Unternehmen seiner Wahl. Als Rückfluss wird eine Verzinsung des Geldbetrags innerhalb einer definierten Laufzeit erwartet. Der Zinssatz wird auf Basis von Angebot und Nachfrage je Projekt unterschiedlich vereinbart.

3. Beteiligung (Crowdinvesting)

Die Geldgeber beteiligen sich mit Eigenkapital an Einzelprojekten oder ganzen Unternehmen, vor allem für die Finanzierung von Startups in deren Frühphase oder für Innovationsprojekte in Klein- und Mittelunternehmen. Die Crowdinvestoren erhalten Genussscheine oder sind als typischer stiller Gesellschafter am Unternehmen beteiligt. Durch die Streuung ihres Risikokapitals auf mehrere Projekte können sie das Investitionsrisiko senken.

Spielregeln für Crowdfunding

In Österreich ist Crowdfunding grundsätzlich legal. Die FMA prüft neue Finanzierungsmodelle, besonders die Crowdfunding-Plattformen von Fall zu Fall. Eine Lizenz (vergleichbar einer Banklizenz) wird jedoch (noch) nicht vergeben.
Die FMA verlangt – abgsehen von Spenden – wie im Fall Staudinger die eindeutige Deklaration der gesammelten Beträge als nachrangige Darlehen. Nachrangigkeit bedeutet, dass ein Investor sein Geld nicht zurückverlangen kann, wenn das Unternehmen dadurch in Schwierigkeiten kommen könnte, indem seine Forderungen im Fall der Insolvenz gegenüber dem Masseverwalter nur nachranging wenn überhaupt berücksichtig werden.

Der Projektbetreiber oder Unternehmer muss eine Summe festlegen, die eingesammelt werden soll. Wird dieser Betrag – auch genannt Fundingschwelle – nicht erreicht, erhalten die Geldgeber ihre eingezahlten Beträge zurück. Um das gesetzte Ziel zu erreichen, ist es sinnvoll, bereits zum Start der Kampagne eine Crowd aufgebaut zu haben, die über die sozialen Medien dann weiter anwachsen soll.

Tipps für erfolgreiche Kampagnen werden z.B. auf http://ow.ly/up5M6 gegeben.

Laut Wirtschaftskammer Österreich wurden im Jahr 2012 mehr als 1,1 Millionen Crowdfunding-Kampagnen weltweit durchgeführt. Das Volumen erreichte 2012 insgesamt 2,7 Milliarden Dollar. Seither wird pro Jahr jeweils eine Verdoppelung der Kennzahlen erwartet. In Österreich startete im Jahr 2010 die erste Crowdfunding-Plattform www.respekt.net und 2012 mit www.1000x1000.at die erste Crowdinvesting-Plattform. Inzwischen gibt es mehrere Crowdfunding-Plattformen mit unterschiedlicher Ausrichtung, die bisher ca. 1,5 Millionen Euro finanziert haben.

Während dem Geldnehmer die unternehmerische Freiheit bleibt, wie er die durch Crowdfunding finanzierten Projekte umsetzt, muss im Sinne des Anlegerschutzes geregelt sein, unter welchen Bedingungen ein Investor Geld hergibt. Dazu zählen die Rücktritts- und Kündigungsmöglichkeiten, die eindeutige Deklaration der eingesetzen Beträge als Spende, als Darlehen oder als Beteiligung, sowie die Hinweise auf möglichen Totalverlust.

Plattformbetreiber sollten eine Gewerbeberechtigung als Vermögensverwalter besitzen und bei der FMA registriert werden. Auch sollten sie der Prospektpflicht wie andere Wertpapieremittenten nach dem Kapitalmarktgesetz (KMG) unterliegen. Denn dem Einsammeln von Kapital mit Crowdfunding liegt ein öffentliches Angebot zugrunde, das der Prospektpflicht unterliegt. Sollen die Kosten und der Aufwand für die Prospekterstellung vermieden werden, muss die Investmentsumme unter 250.000,- € bleiben und das Angebot an weniger als 150 Personen gerichtet sein.

In der Europäischen Union gibt es Bestrebungen, eine einheitliche Gesetzeslage zu schaffen, um Crowdfunding-Investments zu regeln.

Die Abbildung gibt einen Überblick über die wesentlichen Finanzierungsmöglichkeiten eines Unternehmens. Sie finden diese Abbildung mit Arbeitsaufgaben zur Lernkontrolle auf einem Arbeitsbaltt zum Lehrbuch Meridiane 7.

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