Hölzel-Journal

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Neue Empfehlungen der AKO zur Schreibung geographischer Namen

26. Februar 2013

Von: Lukas Birsak

Die Arbeitsgemeinschaft für Kartographische Ortsnamenkunde hat kürzlich neue Empfehlungen für die Schreibung geographischer Namen in Bildungsmedien veröffentlicht. Diese sind eine große Hilfe zur Vereinheitlichung des Namengutes in den Schulatlanten.

Entstehung und Zweck der Empfehlungen

Warum steht im Atlas „Laibach“ und nicht „Ljubljana“ an erster Stelle? Schreibt man „Himalaya“ oder „Himalaja“? Gibt es eigentlich den Begriff „Kurdistan“? Heißt es jetzt „Mumbai“ oder „Bombay“? Solche und ähnliche Fragen wurden und werden immer wieder an den Verlag gestellt, und in der Vergangenheit musste die Antwort eigentlich meistens lauten: Alles ist möglich, die Bevorzugung der einen oder anderen Variante ist nur eine redaktionelle Meinung.

Daher beschloss die „Arbeitsgemeinschaft für Kartographische Ortsnamenkunde“ (AKO) schon Anfang der 1990er-Jahre, Empfehlungen für einen einheitlichen Gebrauch geographischer Namen in Schulatlanten und anderen Schulbüchern auszuarbeiten. Die AKO ist ein Gremium, in dem alle relevanten österreichischen Institutionen aus der Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft vertreten sind, die in ihrem Aufgabenbereich mit der Normierung und Verwendung geographischer Namen zu tun haben. Die Mitglieder treffen sich zweimal im Jahr und der oder die Vorsitzende ist auch Vertreter Österreichs bei internationalen Konferenzen (besonders der UN) zu dem Thema (s. auch http://www.oeaw.ac.at/dinamlex/AKO/AKO.html). Die österreichischen Schulatlasverlage Ed. Hölzel und Freytag&Berndt sind in der AKO vertreten.

1994 erschien eine erste Publikation mit Empfehlungen zu folgenden Bereichen:

a) Wann sollen deutsche Namenformen verwendet werden, wann einheimische?

b) Wie soll die Reihenfolge verschiedener empfohlener Namenformen sein?

c) Welche einheimische Namenformen sollen in mehrsprachigen Gebieten verwendet werden?

d) Wie sollen Namen aus nicht lateinschriftigen Alphabeten in Lateinschrift transkribiert werden?

e) Weitere Fragen zu korrekten Schreibweisen, falschen Bezeichnungen, neuen Namenbildungen usw.

Die Welt ändert sich und mit ihr der Gebrauch geographischer Namen. Nachdem ein Grundprinzip der AKO-Empfehlungen die Beachtung der Gebräuchlichkeit von Bezeichnungen ist, war es daher notwendig, nach fast 20 Jahren die Publikation zu überarbeiten. Das Ergebnis liegt nun seit kurzem vor und kann über den Verlag der Akademie der Wissenschaften erworben werden („Vorschläge zur Schreibung geographischer Namen in österreichischen Bildungsmedien“, 125 Seiten, ISBN13: 978-3-7001-7199-7, Preis 29 Euro, s. http://verlag.oeaw.ac.at/products/Sachgebiete/Geographie/Vorschlaege-zur-Schreibung-geographischer-Namen-in-oesterreichischen-Bildungsmedien.html).

Ein kleines Expert/inn/en-Team aus Geographen, Kartograph/inn/en, Sprachwissenschaftler/inne/n und Historikern hat über mehrere Jahre allgemeine Grundsätze zur Namenverwendung erarbeitet, pro Land eine Liste mit empfohlenen deutschen Namenformen (und einigen anderen Kategorien) erstellt, Empfehlungen zu den zu verwendenden Amtssprachen gegeben und Transkriptionssysteme erarbeitet.

Dabei ist mehr herausgekommen als nur „trockene“ Empfehlungen. Im allgemeinen Teil erfährt man auch als interessierter Laie viel über die Probleme und Aspekte geographischer Namen. Gemeinsam mit Atlasarbeit könnte man daraus einiges zu den Lehrplanthemen „Wahrnehmungsgeographie“, „kulturelle Identität“, „gesellschaftlicher Wandel“ usw. ableiten.

Abb. 1: Beispiel einer Namenliste

 Abb. 2: Beispiel einer Transkriptionstabelle (Armenisch, erste sechs Zeichen, „BGN“ bezieht sich auf eine Empfehlung des US-amerikanischen „Board on Geographical Names“)

Änderungen gegenüber 1994

Die Empfehlungen 1994 standen noch unter dem Eindruck des Zerfalls des Ostblocks und des Entstehens einer Reihe von neuen Staaten, die von der bis dahin herrschenden kommunistischen und „internationalistischen“ Namenpolitik Abschied nahmen. Es kam zu einer Reihe von Umbenennungen und Änderungen bei den Amtssprachen. Aber auch das Bewusstsein für deutsche Minderheitenbezeichnungen, die bis dahin hinter dem Eisernen Vorhang verborgen schienen, nahm wieder zu.
2012 hat sich diesbezüglich die Situation stabilisiert und insgesamt die politische Brisanz von Benennungsnormen entspannt. Auch die Vereinten Nationen, die lange amtliche Bezeichnungen bevorzugen wollten, anerkennen nun den kulturellen Wert von fremdsprachigen Namen (Exonymen) besonders im Bildungswesen. Auf der anderen Seite werden durch die verstärkte Mobilität und Bewegungsfreiheit über Grenzen hinweg einheimische Namen (Endonyme) besonders jüngeren Menschen immer vertrauter. So werden auch die Empfehlungen 2012 nur einen Zwischenstand in einer sich ständig ändernden Welt des Namengebrauchs darstellen und künftig immer wieder überarbeitet werden müssen.
Insgesamt gab es bei rund einem Viertel der Listeneinträge von 1994 zu 2012 Änderungen. 2/3 davon waren Ergänzungen, rund 20% wurden geändert und der Rest wurde gestrichen.

Die quantitative Seite

Die Namenlisten enthalten 2922 Einträge, wovon rund 77% deutsche Exonyme betreffen. Davon sind aber nur knapp 300 Siedlungsnamen, der Rest verteilt sich auf Gebirge, Landschaften, Gewässer, Meeresteile, Pässe usw. Weitere Typen von Einträgen sind historische deutsche Bezeichnungen, falsche Schreibweisen, Doppelbezeichnungen usw.

Grundsätze der Empfehlungen

Wahrscheinlich sind 95% der Einträge in den Empfehlungen unbestritten. Diskussionen entzünden sich meist an der Frage, ob ein deutsches Exonym noch verwendet werden soll und das besonders dann, wenn es sich lautlich vom Endonym stark unterscheidet. Kaum jemand bestreitet die Verwendung von „Prag“ oder „Rom“, aber „Pressburg“, „Königgrätz“ oder „Bombay“ sind immer wieder ein Zankapfel.
Die Empfehlungen verwenden keine extremen Standpunkte, sondern versuchen die Gebräuchlichkeit eines Namens im Alltag und den Medien in den Mittelpunkt zu stellen. Die Aufschriften auf Straßentafeln, Bahnhöfen oder Flughäfen sind dagegen kein Kriterium, weil diese international gebräuchlichen Regeln folgen (sollten), die entweder das Endonym oder englischsprachige Benennungen bevorzugen.
Im wesentlichen ergeben sich drei Typen von empfohlenen Bezeichnungen speziell bei Siedlungen:
a)    nur amtliche einheimische Bezeichnung: dort, wo kein deutschsprachiger Name existiert, weltweit natürlich der bei weitem häufigste Fall;
b)    deutsche Bezeichnung und zwingend zumindest einmal in einem Werk die amtliche einheimische Bezeichnung in runder Klammer: betrifft die schon erwähnten rund 300 Siedlungen;
c)    amtliche einheimische Bezeichnung und wo möglich eine historische deutsche Bezeichnung in eckiger Klammer: betrifft weitere rund 110 Siedlungen, besonders solche, die in deutschsprachigen geschichtlichen Werken häufig vorkommen.

Räumliche Verteilung

Abb. 3 zeigt die Verteilung aller empfohlenen deutschen Exonyme.

Abb. 3: Verteilung aller empfohlenen Exonyme

Natürlich liegt ein Schwerpunkt in Europa, insgesamt folgt das Verteilungsbild aber der Großtopographie der Erdoberfläche: Die großen Gebirge und Landschaftseinheiten standen immer im Fokus einer überwiegend beschreibenden Geographie und dafür haben sich auch deutschsprachige Bezeichnungen herausgebildet.
Betrachtet man nur die empfohlenen Exonyme für Siedlungen, ändert sich das Bild (Abb. 4):

Abb. 4: Verteilung der empfohlenen Siedlungsexonyme

Ein Schwerpunkt liegt in Mittel- und Osteuropa und folgt damit der politischen, wirtschaftlichen und historischen „Interessensphäre“ Österreichs in früheren Jahrhunderten (was einige Unterschiede zu deutschen Schulatlanten bedingt!). Deutsche Bezeichnungen, die sich damals gebildet haben, sind aus unterschiedlichen Gründen noch immer im österreichischen Alltag und den Medien sehr gebräuchlich und waren daher in die Empfehlungen aufzunehmen. Das gilt auch für den Bereich der Beneluxländer und im Rheingebiet (Österreichische Vorlande!). Ebenso zeigt sich aber ein Schwerpunkt im Mittelmeerraum, der in vielen Fällen noch auf antike oder biblische Bezeichnungen zurückzuführen ist. Die übrigen Einträge sind überwiegend Hauptstädte und einige wenige Agglomerationen.

Einige interessante Details:

Zagreb [Agram]: In den neuen Empfehlungen wurde gegenüber 1994 „Agram“ als historisch bewertet, was einen tatsächlichen Trend in der Verwendung widerspiegelt. Daher wird diese Namenform in eckige Klammer nach der amtlichen Bezeichnung gesetzt. Bei sorgfältiger Setzung der Klammerarten ist Schülerinnen und Schülern damit schnell klarzumachen, welche Namen deutsche Formen sind und welche nicht: Eckige Klammer = historische deutsche Form, runde Klammer = aktuelle einheimische Form, deutsche Form außerhalb der Klammer davor.
Bratislava, Pressburg (dt, wahlweise vor- oder nachrangig): Bei „Pressburg“ konnte sich die Arbeitsgruppe noch nicht dazu entschließen, den Namen als historisch zu werten, besonders weil es dort noch eine kleine deutsche Minderheit gibt, was normalerweise für eine Bevorzugung deutscher Namenformen spricht. Aber „Bratislava“ ist in den Medien und im Alltag eindeutig schon der Normalfall, daher hat man sich wie in wenigen anderen Fällen dazu entschlossen, in diesem Fall die Entscheidung über die Reihenfolge freizustellen. In den Hölzel-Atlanten wird ab den nächsten Auflagen Bratislava [Pressburg] geschrieben werden.
Laibach (Ljubljana): In diesem Fall hat man sich wie bei Prag (Praha) oder Rom (Roma) dafür entschieden, das deutsche Exonym an erster Stelle zu empfehlen. Die Medienbeobachtung zeigt nach wie vor ein Vorherrschen der deutschen Bezeichnung, vielleicht auch, weil der slowenische Name im Deutschen schwerer auszusprechen und zu deklinieren ist.
Japanisches Meer/Ostmeer: Ein spezieller Fall war die Bezeichnung des Meeres zwischen Korea und Japan. Besonders Südkorea propagiert schon seit vielen Jahren die in Korea übliche Bezeichnung „Ostmeer“ und empfindet „Japanisches Meer“ als kolonialistisch. Beide Seiten verbreiten ihre Argumente sehr intensiv mit diplomatischen und wissenschaftlichen Mitteln. Nachdem tatsächlich in den letzten Jahren in großen deutschsprachigen Atlanten, aber auch im Internet (Wikipedia, Google Maps usw.) „Ostmeer“ im häufiger wurde, hat sich auch die Arbeitsgruppe entschlossen, die Doppelbezeichnung zu empfehlen. Zumindest in wichtigen strittigen Fällen sollte es aus neutraler Position heraus auch Bildungsziel sein, diese Strittigkeit zu zeigen.
Kosova/Kosovo: Der Staat Kosova/Kosovo wurde 2008 von Österreich anerkannt und wird seitdem in den Hölzel-Atlanten auch als unabhängiges Land eingezeichnet. Aufgrund der Sprachenverteilung empfiehlt die Arbeitsgruppe die gleichzeitige Verwendung der beiden Amtsprachen Albanisch und Serbisch in dieser Reihenfolge. Daher war es naheliegend, auch den Staatennamen in beiden Formen zu empfehlen, wobei das albanische „Kosova“ an erster Stelle steht. Daraus ergibt sich ein Widerspruch zu der Liste der Staatennamen des österreichischen Außenministeriums, der aber in den neuen Vorschlägen auch in einigen anderen Fällen in Kauf genommen wurde (z.B. Weißrussland statt Belarus, Südkorea statt Republik Korea, Elfenbeinküste statt Côte d'Ivoire).
Indisches Englisch: Ein großes Problem stellte die Definition der empfohlenen Amtsprachen für Indien dar. Diese Empfehlung für jedes Land ist wichtig, um zu wissen, welche einheimische Namenform man verwenden soll, wenn in einem Land mehrere Sprachen existieren. In Indien definieren alle Bundesstaaten ihre eigenen Kombinationen an Amtssprachen, es gibt keine einheitliche Sprache für das ganze Land (auch Hindi nicht!). Offizielle Verzeichnisse und Karten existieren aber häufig nur in der „faktischen“ Amtssprache Englisch. Daher entschied sich die Arbeitsgruppe letztlich für die Empfehlung des Englischen, allerdings mit dem Zusatz „Indisch“, um darauf hinzuweisen, dass geographische Namen primär nicht aus britischen oder amerikanischen Quellen, sonders aus englischsprachigen indischen entnommen werden sollen.
Deutsch als Amtsprache: Für folgende Länder bzw. Regionen wurde Deutsch als primäre Sprache für geographische Namen empfohlen: Belgien (Deutschsprachige Gemeinschaft), Deutschland, Italien (Südtirol), Liechtenstein, Luxemburg, Österreich, Schweiz (Deutschsprachiger Landesteil). Einen halboffiziellen Charakter hat Deutsch als Nationalsprache noch in Namibia, in den AKO-Listen wird aber für dieses Land nur Englisch empfohlen.

Die neuen AKO-Empfehlungen in den Hölzel-Atlanten:

Der Verlag Hölzel hat schon die Empfehlungen von 1994 in seinen Atlanten umgesetzt. Für die Auflagen 2013 ist die Umstellung auf die neuen Vorschläge in Arbeit. Im Gegensatz zu einigen anderen am österreichischen Markt befindlichen Produkten verfolgt der Verlag keine „Privat-Nomenklatur“, sondern folgt gerne den Richtlinien des höchsten österreichischen Namengremiums im Bewusstsein, dass eine Harmonisierung des Namengebrauchs im Interesse eines effizienten und modernen Geographieunterrichts ist.

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