Hölzel-Journal

Aktuelles Thema

Immer aktuell – Die Inflation

25. Oktober 2011

Von: Wilhelm Malcik

Begriffe wie „Teuro“ oder „gefühlte Inflation“ zeigen eine Tatsache, die mittlerweile auch von Wirtschaftswissenschaftlern und Statistikern nicht mehr geleugnet wird: Die reale, also erlebte Inflation, ist wesentlich höher als die amtlich ermittelte.

Verbraucherpreisindex und Warenkorb – Schein und Sein

Konsumenten haben seit Langem den Eindruck, dass das tägliche Leben wesentlich rascher teurer wird, als die offizielle Inflationsrate angibt. Denn der Verbraucherpreisindex VPI ist eine Zahl, die für die Wirtschaftspolitik wesentlich ist, aber so gar nicht für die Konsumenten gemacht wurde. Denn jeder von ihnen hat ein eigenes Konsumprofil, eigene Verbrauchergewohnheiten, die sich individuell von jenen unterscheiden, die der Berechnung des VPI zu Grunde liegen. So gesehen müsste für jeden Verbraucher ein ganz persönlicher Index berechnet werden.

Das Problem der Inflationsberechnung beginnt schon bei der Auswahl jener Güter und Dienstleistungen, die in den Warenkorb kommen. Sie soll das vorhandene Angebot samt den neuesten Produkten abbilden, wird aber nur in relativ großen Zeitabständen aktualisiert, in Österreich durch die Statistik Austria zuletzt alle 5 Jahre.

Das wesentlich größere Problem und letztlich die Ursache für die Divergenzen zwischen offizieller und gefühlter Inflation ist die Gewichtung der einzelnen Güter und Dienstleistungen innerhalb des Warenkorbes. Für Interessierte:

http://www.statistik.at/web_de/statistiken/preise/verbraucherpreisindex_vpi_hvpi/warenkorb_und_gewichtung/index.html

Der schweizer Wirtschaftsstatistiker H.W. Bachinger hat den IWI, den Index der wahrgenommenen Inflation, entwickelt. Er gewichtet die täglich gekauften Güter mehr als der VPI. Wenn Lebensmittel, Energie, Dienstleistungen, Mineralölprodukte teurer werden, so trifft das fast jeden Haushalt, Tag für Tag. Wenn derselbe Haushalt einmal in vielen Jahren ein neues Fernsehgerät oder andere Geräte der Unterhaltungselektronik, oder gar ein neues Auto kauft, wird wenig Sensibilität dafür entstehen, um wie viel diese Güter billiger wurden oder weniger im Preis gestiegen sind. Mit einem Wort: Der tägliche Einkauf ist wichtiger als der Kauf von Computern oder Waschmaschinen. Bachinger kritisiert daher auch den Begriff „gefühlte Inflation“, weil damit suggeriert wird, dass die Menschen die Teuerung nur fühlen, diese aber real gar nicht statt finde.

Die Statistik Austria trägt dieser Problematik inzwischen längst Rechnung und bietet eine Palette von verschiedenen Indizes mit spezieller Gewichtung an:

Der Preisindex für Pensionistenhaushalte (PIPH) spiegelt die Preisentwicklung für einen durchschnittlichen österreichischen Pensionistenhaushalt.

Der Index für den Privaten PKW-Verkehr (PKW-Index) ist eine Messgröße aus dem Kauf von einem PKW (neu und gebraucht) und Teilen der Verbrauchsgruppen „privater Verkehr“ und "Versicherungen".

Der Miniwarenkorb (Index des wöchentlichen Bedarfs) spiegelt die Inflation eines wöchentlichen Großeinkaufs wider.

Der Mikrowarenkorb stellt die Inflation eines täglichen Einkaufs dar.

Darüber hinaus gibt es weitere Sonderauswertungen der Statistik Austria mit Indizes für Energie, Gebühren und Ernährung.

Folgender Vergleich soll die oben angesprochene Problematik deutlich machen (Qu.: Statistik Austria Sept. 2011)

                     Indizes für August 2011                         Basis 2005 = 100

VPI

Mikrowarenkorb

Miniwarenkorb

Pensionistenindex

Energieindex

113,2

118,2

121,6

115,1

146,5

Welche Konsequenzen haben diese Tatsachen für einen kritischen und kompetenzorientierten GW-Unterricht?

Zunächst einmal ist (nicht nur für den Unterricht) eine entsprechende Skepsis gegenüber der täglichen Berichterstattung in den Medien angebracht. In diesen wird in der Regel der allgemeine VPI zitiert. Die für das tägliche Leben jedoch wesentlicheren Indizes werden hingegen selten erwähnt. Es sei denn, politische Forderungen z.B. der Pensionistenverbände hinsichtlich der jährlichen Pensionsanpassungen, der Autofahrerklubs nach Erhöhung des amtlichen Kilometergeldes oder ähnliche Forderungen spezifischer Gruppen stehen auf der innenpolitischen Tagesordnung.

Zum Zweiten kann der GW-Unterricht beim Thema Inflation deutlich machen, dass Zahlen in der Wirtschaft nicht immer die reale Situation darstellen, sondern nur beliebiges Konstrukt sind, um die vielfältigen und vernetzten Vorgänge in einer Volkswirtschaft mathematisch einzufangen.

Methodisch kann z.B. Gruppenarbeit mit Rechercheaufgaben zum Statistikangebot der Statistik Austria die Schülerinnen und Schüler zur genannten Problematik

- von Indizes ganz allgemein (vgl. dazu MERIDIANE für die 5. Klasse AHS, Seite 145),

- der Gewichtung innerhalb des Warenkorbes,

- der Erhebung der Verbrauchergewohnheiten

hinführen.

Eine Anregung für ein Projekt - eventuell fächerübergreifend mit Mathematik - ist die Enwicklung eines schülerbezogenen Verbraucherpreisindex, abgestimmt auf die Konsumgewohnheiten der jeweiligen Altersgruppe.

Der Schülerverbraucherpreisindex SVPI – Bildet euren eigenen Warenkorb

Gruppenarbeit:

Was kommt in den Korb? (Umfragen)
Welches Gewicht haben die Güter? (Umfragen)
Beobachtungsgruppe erhebt die Preise (Stichtag ) in ausgesuchten Geschäften (Zeitraum 6 Monate)
Statistikgruppe wertet aus und berechnet den SVPI

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