Hölzel-Journal

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Geographische Namen – Rückgrat der Atlaskarten (Teil 1)

11. März 2011

Von: Peter Jordan

Die neue Jubiläumsausgabe des Kozenn-Atlas enthält rund 18 500 Namen, mehr als die anderen österreichischen Schulatlanten. Univ.-Doz. Dr. Peter Jordan ist als Vorsitzender der österreichischen Arbeitsgemeinschaft für kartographische Ortsnamenkunde Spezialist für die richtige Schreibung geographischer Namen.

Geographische Namen scheinen eine Nebensache zu sein, haben aber starke symbolische Wirkung und sind daher oft ein Thema politischer Konflikte. Es ist daher wichtig, mit ihnen sorgsam umzugehen und den Stand der Wissenschaft zu berücksichtigen.

Es gibt zahlreiche Gremien, die sich mit der Standardisierung, d.h. der korrekten, möglichst einheitlichen, wissenschaftlich begründeten Schreibung von geographischen Namen befassen:

  • in Österreich die Arbeitsgemeinschaft für Kartographische Ortsnamenkunde (AKO),
  • für Deutschland und die deutschsprachigen Länder und Gebiete der Ständige Ausschuss für geographische Namen (StAGN),
  • und auf der weltweiten Ebene die Expertengruppe der Vereinten Nationen für geographische Namen (United Nations Group of Experts on Geographical Names, UNGEGN), eine von nur sechs aktiven permanenten Expertengruppen der UNO.

Geographische Namen sind aus geographischer Sicht eine sehr interessante Materie, weil sich in ihnen viele geographische Ansätze gleichsam bündeln und sie gerade auch im Rahmen von neueren Forschungsfeldern der Geographie („Neue Kulturgeographie“, „Akteurszentrierter Ansatz“) sehr ergiebig sind.

Ich will hier nur zwei Aspekte geographischer Namen nahe bringen: (1) ihre Mittlerrolle zwischen Mensch und Raum und (weil dieses Thema besonders im Bildungsbereich wichtig ist) (2) das Verhältnis von Endonym und Exonym und die Verwendung der beiden.

Mittlerrollen geographischer Namen zwischen Mensch und Raum

1. Rolle: Geographische Namen beschreiben räumliche Merkmale

Oft werden von geographischen Namen Naturmerkmale (z.B. Lage, Morphologie, Gewässer, Vegetation, Bodenverhältnisse, Rohstoffvorkommen), aber auch (frühere) Besitz- und Herrschaftsverhältnisse, historische Ereignisse etc. aufgegriffen. Sie heben ein Merkmal hervor, das den Namengebern besonders bemerkenswert erschien, das aus der Sicht der Benenner wichtig war. Der kulturelle Hintergrund der Namengeber spielt also eine Rolle. Ackerbauernkulturen benannten nach anderen Gesichtspunkten als Hirtenkulturen. Geographische Namen sind damit ein Schlüssel zur Kultur- und Besiedlungsgeschichte, v.a. auch, weil sie manchmal aus Vorläufersprachen der heutigen Sprache in den aktuellen Sprachgebrauch übernommen wurden.
Viele Namen sind ihrer Bedeutung nach heute nicht mehr transparent (sondern „opak“), eben weil sie aus anderen Sprachen stammen (z.B. aus dem Keltischen „Tauern = groß, Berg, auch Pass“; aus dem Slawischen „Feistritz = die schnell Fließende, Klare“ mit 20 Fällen in Österreich) oder aus älteren Schichten der heutigen Sprache.
Viele sind aber doch transparent, z.B. Seeberg, Weißensee, Weinviertel, Mostviertel, Waldviertel, Industrieviertel, Eisenwurzen, Salzkammergut, Salzburg, Innsbruck.

2. Rolle: Geographische Namen gestalten den Raum (mit)

Namen sind in der Landschaft sichtbar auf Tafeln und Aufschriften. Weil geographische Namen immer einer bestimmten Sprache angehören, sagen sie etwas über den Charakter, die kulturelle Eigenart eines Ortes aus. Das wird besonders bei Namen in Minderheitensprachen und in mehrsprachigen Gebieten deutlich. Namen markieren in dieser Weise Ortschaften durch Ortstafeln, Verwaltungseinheiten (Gemeinden, Länder, Staaten) durch entsprechende Ankündigungstafeln.


Abb. 1: Zweisprachige Ortstafel in Kärnten

Sie prägen (und strukturieren) den Raum aber v.a. auch mental, indem sie raumbezogene Begriffe kommunizierbar machen. Das wird besonders deutlich bei Namen von Regionen oder Landschaften. Wo z.B. Europa endet, wo die Grenzen von Mitteleuropa sind, ist immer das Ergebnis einer Festlegung. Raumbegriffe, insbesondere Regionen und Landschaften, sind also gedankliche Konstrukte, die durch Namen gekennzeichnet werden. Manche Regionsbegriffe werden gestützt durch „reale“ Verhältnisse wie Verwaltungsgrenzen, Gebirgszüge (z.B. Waldviertel, Weinviertel, Mostviertel, Industrieviertel). Andere haben aber nichts als ihren Namen: Salzkammergut, Dalmatien.

Das Salzkammergut ist weder eine Verwaltungseinheit, noch ein morphologisch klar umgrenztes Gebiet, noch eine Region im funktionalen Sinn, d.h. ein auf ein Zentrum hin orientiertes Gebiet. Sein räumlicher Begriffsumfang hat sich im Lauf der Zeit auch gewandelt. Es war früher das Gut der kaiserlichen Hofkammer und konnte nur auf damals österreichischem Gebiet liegen, umfasst heute aber auch Teile Salzburgs, das erst später zu Österreich kam.
Der Name ist im Fall des Salzkammerguts der einzige Träger dieses Raumbegriffs. Dennoch ist mit ihm ein reicher Begriffsinhalt verbunden. Man assoziiert mit ihm Seen, Berge, Kaiser, Ischl, Weißes Rössl, nobles Zweithausgebiet, regnerisch etc. Name und Raumbegriff sind auch tief im Bewusstsein der Menschen verankert. Der Name wird in der Literatur, in den Medien reichlich verwendet und ist eine Tourismusmarke. Hotels, Restaurants, Speisen, Schiffe, Zeitungen sind danach benannt. Niemand würde behaupten, dass es diese Region nicht gibt. Es gibt aber eigentlich nur den Namen!

3. Rolle: Geographische Namen tragen zur Ortsbindung von Menschen bei

Sie fungieren symbolisch als Logos, Labels, Markenzeichen. Namen symbolisieren die Identität eines Ortes gegenüber Bewohnenden und Auswärtigen ähnlich Fahnen und Wappen.

Wenn ein Name einer zweiten Sprache auf der Ortstafel steht, kennzeichnet er eine geteilte oder gemeinsame Identität mit allen Problemen, die das mit sich bringt. Sie muss von der jeweils anderen Gruppe akzeptiert werden und kann deshalb zu Konflikten führen (Kärnten, Resiatal in Friaul).


Abb. 2: Zweispachige Ortstafel im Resiatal mit verdecktem italienischen Ortsnamen

Ortstafeln richten sich in dieser Funktion nicht in erster Linie an Auswärtige, sondern an die Bewohner eines Ortes – die sollen ihn als ihren eigenen wahrnehmen. In Rumänien werden daher zum Beispiel die Namen der ukrainischen Minderheit in kyrillischer Schrift nicht transliteriert (in die Lateinschrift übertragen). Der transliterierte, in die Lateinschrift umgesetzte Name würde den Angehörigen der örtlichen Minderheit nicht mehr als der ihre erscheinen. Denn nur der Name in der eigenen Sprache und Schrift vermittelt Heimatgefühl.


Abb. 3: Mehrsprachige Ortstafel in Rumänien mit ukrainisch-kyrillischer Bezeichnung

Geographische Namen unterstützen emotionale Bindungen. Diese Rolle bezieht sich nur auf Personen, die mit dem Ort vertraut sind, also auf Bewohner, auf dort Aufgewachsene, die später weggezogen sind, aber ihre Bindung bewahrt haben, und auf Personen, die erst später eine Bindung zu diesem Ort gewonnen haben (z.B. durch häufige Urlaube). Wenn sie den Namen des Ortes hören oder aussprechen, tut sich für sie eine ganze Vorstellungswelt auf, verbunden mit persönlichen Erinnerungen an Personen und Ereignisse.

Die emotionale Bindung durch Namen zeigt sich besonders auch an Auswanderern (nach Übersee). Oft war das einzige, was sie mitnehmen konnten, der Name des alten Heimatortes. Er bedeutet für sie ein Band zur alten Heimat und verleiht auch dem neuen Ort etwas Vertrautes.


Abb. 4: Breslau in Kanada – Ansiedlung deutschsprachiger Aussiedler aus Schlesien (heute Polen)

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