Hölzel-Journal

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Geographische Namen – Rückgrat der Atlaskarten (Teil 2)

16. Mai 2011

Von: Peter Jordan

Die neue Jubiläumsausgabe des Kozenn-Atlas enthält rund 18 500 Namen, mehr als die meisten anderen österreichischen Schulatlanten. Univ.-Doz. Dr. Peter Jordan ist als Vorsitzender der österreichischen Arbeitsgemeinschaft für kartographische Ortsnamenkunde Spezialist für die richtige Schreibung geographischer Namen. Teil 2 seines Beitrags befasst sich mit Endonymen und Exonymen.

Zum Verhältnis von Endonym und Exonym und zur Verwendung der beiden

Endonyme sind die von der örtlichen Gruppe vergebenen Namen, die Namen „von innen“. Man könnte sie auch Erstnamen nennen. Sie drücken Besitzanspruch auf ein geographisches Objekt und Verantwortlichkeit dafür aus und haben damit immer auch eine politische, soziologische, juridische Dimension. Es ist daher auch kein Wunder, dass sich an ihnen politische Konflikte entzünden: z.B. in Kärnten, Makedonien, bei Japanisches Meer/Ostmeer zwischen Korea und Japan, bei Umbenennungen in kommunistischer Zeit im östlichen Europa und Rückbenennungen nachher. Namen haben in diesen Konflikten symbolische oder Stellvertreter-Funktion für zumeist tiefer liegende gesellschaftliche Konflikte.

Abb. 1: Endonymische, teilweise mehrsprachige Beschriftung in einem wissenschaftlichen Atlas (Atlas Ost- und Südosteuropa der Österreichischen Akademie der Wissenschaften)

In Kärnten geht es beim Namenstreit eigentlich um Anspruch bzw. Weigerung, die slowenischsprachige Bevölkerung als integralen Teil und Mitgestalter der Kärntner Kultur anzuerkennen. Beim Streit um den Namen „Makedonien“ steht die im nationalistischen Diskurs bedeutungsschwere Frage der Erstanwesenheit in einem Gebiet im Hintergrund. Griechen sehen den Namen „Makedonien“ als ihr Eigentum an, der ihre Erstanwesenheit in der Region dokumentiert und der nicht von den „viel später zugezogenen Slawen usurpiert werden kann“. Beim Namenstreit zwischen den beiden koreanischen Staaten und Japan um die Bezeichnung des Meeres zwischen ihnen geht es in Wirklichkeit um die Emanzipation der ehemaligen Kolonie gegenüber dem ehemaligen Mutterland, also um die endgültige Anerkennung der Gleichrangigkeit.

Endonyme sind der Normalfall von geographischen Namen. Für (fast) jedes Objekt gibt es eines oder mehrere Endonyme, außer für internationale Gewässer und die Antarktika (die unbewohnt sind und daher keine Namen „von innen“ haben können) sowie für rein historische Objekte (die kein aktuelles Endonym haben). Oft gibt es für ein Objekt mehrere Endonyme: wo sprachliche Minderheiten leben (z.B. Sopron/Ödenburg); in Dialekt und Standardsprache (B’hofen/Bischofshofen); von innen/von außen in derselben Sprache und Sprachschicht (Hof/Heiligenblut).

Es gibt dann aber immer ein standardisiertes Endonym (in Minderheitensituationen oft auch mehrere), d.h. ein amtlich beglaubigtes Endonym, das von einem Amt oder einer Namenkommission in diesen Rang erhoben wurde und das in offiziellen Zusammenhängen verwendet werden soll.<---newpage--->

Exonyme bilden dagegen den Sonderfall und die Ausnahme. Es gibt sie für Objekte außerhalb des eigenen Sprachraums, die für die Sprecherinnen und Sprecher dieser Sprache besonders wichtig sind. Sie reflektieren daher recht gut das Muster der räumlichen Beziehungen einer bestimmten Sprachgemeinschaft über das Gebiet dieser Sprachgemeinschaft hinaus.

In Österreich gebräuchliche deutsche Exonyme sind besonders zahlreich im östlichen Mitteleuropa, wo es viele deutsche Minderheiten gegeben hat, wo Staaten mit deutscher Amtssprache (Deutschland, Österreich bzw. Österreich-Ungarn) tätig waren und ihre kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen pflegten. Daneben zeigen sich Häufungen in der französischen Schweiz (in einem Teil eines Staates mit deutschsprachiger Bevölkerungsmehrheit), in Belgien (den früheren österreichischen Niederlanden) und in Oberitalien, zu dessen Handelsstädten es ebenso wie zu den flandrischen Städten von alters her intensive Beziehungen vom deutschen Sprachraum aus gibt. In Deutschland werden mehr Exonyme für ehemalige Gebiete des Deutschen Reichs verwendet, wie auch an den Österreich-Ausgaben deutscher Schulatlanten erkennbar ist.

Abb. 2: Wichtige deutsche Exonyme für Siedlungen in Europa aus österreichischer Sicht

Ein deutlich anderes räumliches Muster weisen italienische Exonyme auf. Sie sind besonders zahlreich für die östliche Küste der Adria und des Ionischen Meeres sowie für den ägäischen Raum, wo die Seemacht Venedig Besitzungen hatte; dann auch für die deutschen Gebiete nördlich der Alpen, mit denen die oberitalienischen Städte seit jeher Handel trieben.

Abb. 3: Wichtige italienische Exonyme für Siedlungen in Europa

Das Muster räumlicher Beziehungen einer Gruppe (das Exonyme in großen Zügen anzeigen) ist allerdings etwas verzerrt durch die Tatsache, dass wir für Endonyme nur selten Exonyme verwenden, wenn erstere leicht auszusprechen sind (z.B. Lublin, Skopje) oder wichtigen Verkehrssprachen entstammen (z.B. London, Paris), die bei uns sehr geläufig sind und bei denen uns weder Aussprache noch Verstehen von Gattungswörtern (engl. river, franz. mont) Probleme bereiten. Für den englischen und für den französischen Sprachraum haben wir daher relativ wenige Exonyme, obwohl auch dorthin die räumlichen Beziehungen der deutschen Sprachgemeinschaft recht intensiv sind.

Exonyme integrieren das Fremde in die eigene kulturelle Sphäre, helfen Sprach- und Kulturgrenzen zu überschreiten, bringen uns das Fremde und Exotische näher und erleichtern uns den Blick in die Welt. Wir würden uns zum Beispiel recht schwer tun, wenn wir nicht Exonyme von diesen (durchaus wichtigen) geographischen Objekten hätten:

Shqipëri (Exonym: Albanien)

Ad-Dār al-Baidā' (Casablanca)

Al-Mişr (Ägypten)

Muqdisho (Mogadischu)

Munţii Apuseni (Westgebirge oder Westsiebenbürgisches Gebirge in Rumänien)

Exonyme drücken (im Gegensatz zu Endonymen) in der Regel keinen Besitzanspruch aus. Sie sind Zweitnamen, die eine Gruppe nicht selbst vergibt, sondern empfängt.

Sie sind oft vom jeweiligen Endonym abgeleitet durch:

  • Übersetzung (ZentralmassivMassif central)
  • phonetische und/oder morphologische Anpassung (KrakauKraków, RomRoma)

Manchmal entsprechen sie einer älteren Version des Endonyms – aus einer Zeit, in der das Objekt (für die Empfängergruppe) wichtig wurde (NeapelNeapolis, die altgriechische Bezeichnung dieser ehemals griechischen Kolonie – Napoli, Prag, Version vor der tschechischen Lautverschiebung – Praha). Manchmal sind sie durch eine Mittlersprache übertragen. So entsprechen schwedische Exonyme für italienische Städte völlig den deutschen, weil das Deutsche die Mittlersprache war.

Allerdings hat oft auch kein Namenwechsel, sondern nur ein Statuswechsel stattgefunden. Was früher ein Endonym war, ist jetzt ein Exonym (Znaim [Znojmo], Budweis [České Budějovice]). In solchen Fällen hatte die Sprachgemeinschaft des heutigen Exonyms im betreffenden Objekt früher einen Bevölkerungsanteil und/oder dominierte das Objekt politisch. Das gilt für viele deutsche Namen für Objekte im östlichen Mitteleuropa. Solche Namen sind politisch heikel, weil sich die jetzt dort dominante Gruppe bei Nennung des Exonyms an die frühere Dominanz erinnert fühlen könnte, weil sie vielleicht auch vermutet, dass das Exonym in einer nostalgischen Art verwendet wird, dass man mit seiner Nennung latente oder akute Besitzansprüche verbindet. Letzteres kann ja auch tatsächlich nicht immer (und für alle Teile einer Gesellschaft) von der Hand gewiesen werden. In diesen Fällen ist also politische Sensibilität angebracht.

Exonyme haben durchaus eine wichtige Funktion, gerade in Bildungsmedien, die sich an ein einheimisches Publikum wenden, Bildungsgut im umfassenden Sinn vermitteln und in denen Schülerinnen und Schüler Namen vorfinden sollen, die sie leicht aussprechen und sich daher auch leicht merken können. Die Hölzel-Atlanten setzen daher eine Auswahl häufig gebrauchter Exonyme an die erste Stelle.

Exonyme sollten aber nicht in der internationalen Kommunikation verwendet werden (d.h. in der Kommunikation zwischen Verwendern verschiedener Sprachen). Ausnahmen davon sind nur, wenn eine Sprache als Verkehrssprache verwendet wird (z.B. Englisch bei internationalen Konferenzen oder im Flugverkehr); historische Objekte, wenn es kein gleichwertiges aktuelles Endonym gibt (z.B. Osmanisches Reich); staatenlose Objekte, für die es kein Endonym gibt (internationale Gewässser, Antarktika).

Exonyme haben jedenfalls keinen Platz auf Straßenverkehrsschildern und im Bahnverkehr (Bahnhöfe, Zugbeschilderung), wo immer mit internationalen Verkehrsteilnehmern zu rechnen ist, oder in Karten, die sich an ein internationales Publikum wenden. Man sollte auch möglichst keine neuen Exonyme bilden und dem Exonym möglichst das Endonym hinzufügen (in Texten und Karten – nicht in der Rede).

Abschließend einige generelle Empfehlungen zur Verwendung von Exonymen:

Die Verwendung eines (vorhandenen) Exonyms kommt umso eher in Frage,

  • je wichtiger das Objekt für die Empfängergruppe ist;
  • je weiter sich das Objekt über Sprachgrenzen erstreckt;
  • wenn das Endonym aus einem Eigennamen- und einem Gattungsnamen-Bestandteil zusammengesetzt ist (ein transparentes Gattungswort enthält); Beispiel: kroat. Dinarsko gorje, dt. Dinarisches Gebirge;
  • je schwerer das Endonym auszusprechen ist (z.B. Oświęcim);
  • je weniger die Sprache des Endonyms bei uns bekannt ist;
  • je häufiger es in den österreichischen Medien, in der österreichischen Öffentlichkeit, von sachlich informierten Personen in Österreich verwendet wird.

Darauf basieren auch die Empfehlungen der AKO, die den Atlanten des Verlages Ed. Hölzel zugrunde liegen. Zur Zeit werden die Namenlisten dieser Richtlinien überarbeitet, weil sich der Namengebrauch wie der allgemeine Sprachgebrauch ständig weiterentwickeln und daher neben politischen und geographischen Veränderungen auch die Gebräuchlichkeit immer wieder neu zu bewerten ist.

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