Hölzel-Journal

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Vom Gasstreit zur Gaskrise und wieder zurück

2. Februar 2009

Von: Wilhelm Malcik

Zum zweiten Mal nach 2006 wurde in den ersten Jännerwochen des Jahres 2009 Europa vor Augen geführt, wie abhängig es von Energieimporten ist, im konkreten Fall von russischen Erdgaslieferungen. Wir bieten hier einen knappen Überblick über Chronologie, Strategie und Interessen der beteiligten Staaten. Dazu gibt es eine Kopiervorlage, welche die Gasleitungen, die Abhängigkeit Europas von russischem Gas und die Gasversorgung Österreichs zeigt.

Erdgas aus Russland

Die Gaspipeline „Sojus“ (Bruderschaft) liefert seit rund 50 Jahren Erdgas von den westsibirischen Gasfeldern.  Zunächst wollte die ehemalige Sowjetunion ihre westlichen Regionen und die „Bruderstaaten“ des Warschauer Paktes versorgen und damit an sich binden. Später wurde Gas gegen harte Devisen auch an westeuropäische Länder geliefert.

Doch die „Bruderschaft“ ist inzwischen heiklen, teilweise konfliktbeladenen Beziehungen zwischen Russland und seinem „nahen Ausland“ gewichen. Vor allem zwischen der Ukraine und Russland herrscht seit Jahren politische Eiszeit. Durch die Ukraine fließen 80 Prozent aller Gasexporte von Russland in den Westen. Die nördlicher gelegene “Jamal“-Pipeline (Nordlicht) verläuft durch das mit Russland befreundete Weißrussland. Deren Kapazität ist jedoch wesentlich geringer. Auch mit Weißrussland hatte der Kreml in der Vergangenheit bereits Probleme wegen des Gastransits. Die weißrussischen Gasleitungen sind mitlerweile in Hand des russischen Gasmonopolisten Gazprom.

Gazprom ist mit über 430 000 Beschäftigten das wichtigste Unternehmen Russlands. In den Fördergebieten in Sibirien hat der Konzern ganze Städte gebaut, die nur von den Mitarbeitern und ihren Familien bewohnt werden. Gazprom kommt für ein Viertel der gesamten russischen Steuereinnahmen auf. Deshalb reagiert die russische Führung so empfindlich, wenn sie die Interessen von Gazprom gefährdet sieht.

http://www.gazprom.com/eng/articles/article18466.shtml

Im Zuge der Finanzkrise ist der Gewinn von Gazprom 2008 um 25 % gesunken, der Aktienkurs dramatisch gefallen. Nach dem bereits stark gefallenen Ölpreis wird auch der Gaspreis stark sinken. Unternehmen und Staat verlieren wesentliche Einnahmen. Es könnte in einigen Jahren zu wenig Kapital da sein, um die dringend notwendigen Investitionen in neue Förderanlagen und die teilweise desolaten Leitungen zu finanzieren.

Gazprom fördert rund ein Fünftel der Weltgasproduktion, hat die größten Gasreserven der Welt, aber derzeit rund 50 Mrd. $ Schulden. Der größte Teil der Förderung dient dem Eigenverbrauch - in veralteten Kraftwerken und zum Heizen von schlecht bis gar nicht isolierten Häusern. Von den russischen Kunden erhält Gazprom nur einen Bruchteil der Preise, den westeuropäische Kunden zahlen.

Der Export ist die wichtigste Einnahmequelle von Gazprom. Daher versucht Russland  konsequent den weltweiten Gasmarkt unter Kontrolle zu bekommen. Die Leitungen Richtung Westen sind dabei ein Schlüsselfaktor.

Russland sucht nach neuen Leitungen, durch die russisches Gas direkt nach Westeuropa gelangen kann. Wichtigstes Projekt ist dabei die auch als Ostsee-Pipeline bekannte „North Stream“. Sie soll von Wyborg bei St. Petersburg direkt an die deutsche Ostseeküste führen. Deutschland ist für Russland der größte und bedeutendste Kunde. North Stream wird gemeinsam von Gazprom und den deutschen Konzernen BASF und E.ON sowie einem holländischen Gasversorger errichtet und soll 2011 in Betrieb gehen. Das Projekt wurde von der Ukraine, Weißrussland, den baltischen Ländern und Polen massiv kritisiert, da sie sich umgangen fühlen.

Im Süden will Gazprom in Partnerschaft mit dem italienischen Energiekonzern ENI eine Pipeline über den Balkan nach Italien bauen, Italien ist der zweitwichtigste Kunde. Diese als South-Stream bezeichnete Leitung wird oft als Konkurrenz zum europäischen Projekt "Nabucco" gesehen, das unter Führung der OMV gebaut wird.

"Nabucco" soll ebenfalls über den Balkan führen, ihren Ursprung aber nicht in Russland, sondern in der Region des Kaspischen Meeres haben. Europas Interesse besteht nämlich weniger eine Diversifizierung der Wege als jener der Lieferanten. Zuletzt gründete die OMV daher mit der deutschen RWE eine Gesellschaft, welche die Nabucco bis Turkmenistan verlängern soll – ein Land, das sein Gas bislang nur über das russische Netz in den Westen bringt. Russland will diese Machtposition klarerweise behalten – und gleicht dabei dem ehemaligen Bruder Ukraine.

Gazprom hat  auch Verträge mit anderen wichtigen Gasländern wie Algerien oder Libyen abgeschlossen und arbeitet an Verträgen mit dem Iran oder Aserbaidschan. Sollte sich Gazprom die Quellen dieser Länder sichern und gleichzeitig die "Nabucco"-Pipeline verhindern, wäre die Abhängigkeit Westeuropas von russischem Gas noch größer als sie jetzt schon ist.

Der Gasstreit

In der Ukraine beherrscht die staatliche „Naftogas“ den Gasmarkt und das Transitgeschäft. Das bisherige Lieferabkommen zwischen Russland und der Ukraine lief am 1.1.2009 aus. Die Ukraine zahlte bis dahin 179,5 $ für 1000m3 Gas und hatte dabei nach russischen Angaben 2,1 Mrd. $ Schulden angehäuft. Die Verträge werden nicht direkt zwischen Russland und der Ukraine geschlossen, vielmehr besitzt seit 2006 die Firma „RosUkrEnergo“ als Zwischenhändler das Exklusivrecht für die ukrainischen Gasimporte. Hinter diesem Unternehmen stehen die Gazprombank und zwei urkainische Geschäftsleute. Laut Gazprom ist der Zwischenhändler nötig, um die aus mehreren Quellen stammenden Lieferungen zu bündeln. Gazprom verlangt von der Ukraine, künftig Weltmarktpreise zu bezahlen. Die Ukraine ist jedoch vom Verfall der eigenen Währung und der Stahlpreise massiv betroffen und bot einen Gaspreis von 201 $ an.

http://www.naftogaz.com/www/2/nakweben.nsf/

Ab 2.1.2009 erhielt die Ukraine kein russisches Gas mehr. Da Russland aber als „brüderlichen Preis“ 250 $ verlangte, drohte die Ukraine, russisches Transitgas zu beschlagnahmen, das zu 80 % über ukrainische Leitungen in den Westen fließt.
Dabei wurde wie schon 2006 der Vorwurf des Gasdiebstahls an die Ukraine gerichtet.
Von den fünf Gasleitungen in der Ukraine dienen zwei dem ukrainischen Import, drei dem Transit nach Ostmitteleuropa. Im Gegenzug zu den russischen Forderungen verlangte die Ukraine höhere Transitgebühren. Dabei ist auch die Bezahlung des so genannten technisches Gases ein Streitfall. Dieses Gas wird benötigt, um jenen Druck in den Pipelines zu erzeugen, damit Gas „fließen“ kann. Die Ukraine gibt an, dafür 6,4 Mrd. m3 pro Jahr zu benötigen.

Im Verlauf des Gasstreites stellte Gazprom am 7.1.2009 die Lieferung von Transitgas völlig ein. Europa, der EU, ganz besonders aber den Balkanstaaten wurde die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen vor Augen geführt.
Erst nach Vermittlung durch die EU-Kommission und bilaterlaen Verhandlungen zwischen den russischen und ukrainischen Regierungsspitzen konnte der Streit (vorläufig?) am 18.1.2009 beigelgt werden: Die Ukraine bekommt auf den Weltmarktpreis von 450 $ für das laufende Jahr einen Rabatt von 20 % und erhält mehr Geld für den Transit. Die Bildung eines Konsotiums aus westlichen Ganskonzernen für den Betrieb der Gasleitungen wird von Russland abgelehnt, da Gazprom selbst im Endkundengeschäft in Europa Fuß fassen will.

Die Gaskrise hat jedenfalls in Europa den Ruf nach alternativen Lieferanten, nach Ausbau der Atomenergie und nach mehr „grüner Energie“ (Windkraft, Wasserkraft, Sonnenenerige) sehr deutlich werden lassen.

Zugleich muss bei diesem Konflikt auch daran erinnert werden, dass dahinter ein grundsätzlicher geopolitischer Konflikt zwischen Russland einerseits und den ehemaligen Sowjetrepubliken und kommunistischen „Bruderstaaten“ andererseits steht.

Download: Kopiervorlage "Gasversorgung Europas aus Russland"

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