1906 | Die letzte Neubearbeitung in der Monarchie

Durch seinen Wechsel ins Militärgeographische Institut stand Vinzenz von Haardt für weitere Neubearbeitungen nicht mehr zur Verfügung. Daher übernahm mit der Ausgabe 1906 Franz Heiderich die Hauptverantwortung für die Atlasherausgabe, was in einem stark angewachsenen Anteil an wirtschaftsgeographischen Karten sichtbar wurde. Zum ersten Mal zeigt sich andeutungsweise ein Charakteristikum späterer Kozenn-Atlanten: Für jede wichtige Region der Erde sollte neben einer physischen auch eine Wirtschaftskarte existieren. Nebenkarten – kleinere Karten, die um eine Hauptkarte auf einer Atlasseite angeordnet sind – wurden in großer Zahl aufgenommen, etwas, was in den Vorgängerausgaben bewusst vermieden wurde. Diese Neubearbeitung sollte die letzte in der Monarchie sein und diese mit den notwendigen politischen Korrekturen bis 1928 überleben. „Österreich- Ungarn“ wurde im Kartentitel nach dem 1. Weltkrieg zu den „Donauländern“, die „Österreichischen Alpenländer“ zu „Österreich“.

Ausgabe 1906In der Ausgabe von 1906 wurden zum ersten Mal die Eisenbahnlinien in Rot dargestellt, im Gegensatz zu den schwarzen Linien der Vorgängerausgaben und auch im Gegensatz zu den deutschen Schulatlanten. Diese Besonderheit des Kozenn-Atlas hat sich bis heute erhalten. Zwei Nebenkarten zur Schweizkarte zeigen die damals längsten Eisenbahntunnel der Welt, den 1882 eröffneten Gotthardtunnel und den 1906 in Betrieb genommenen Simplontunnel.

Ausgabe 19221919 und 1920 wurden noch Kozenn-Atlanten mit dem politischen Stand vor dem ersten Weltkrieg nachgedruckt. Die Ausgabe von 1922 war die erste Nachkriegsausgabe mit Änderungen bei der Darstellung der politischen Verhältnisse. Vieles war auch auf den Österreich-Karten noch unsicher: Das Kanaltal, die Gemeinde Seeland, das Mießtal und Unterdrauburg wurden mit punktierter Grenze als nicht eindeutig politisch zum SHS-Staat gehörig gekennzeichnet. „Deutsch-Südtirol“ wurde mit deutlicher roter Schrift herausgehoben. Das Burgenland wurde aber bereits ohne Ödenburg dargestellt, ebenso war die Nordgrenze zu den sudetendeutschen Gebieten schon eindeutig. Wien wurde noch nicht als eigenes Bundesland gezeigt (ab 1. Jänner 1922), was für einen Redaktionsschluss 1921 spricht.

Ausgabe 1911Ausgabe 1922Europa in den Ausgaben 1911 und 1922 (Ausschnitt): Der Erste Weltkrieg hat die Landkarte Europas wie kein anderes Ereignis seit der Existenz des Kozenn-Atlas verändert. In der Legende der Ausgabe von 1922 gibt es einen zusätzlichen Flächenraster mit der Erklärung „Von der Entente besetzt“. In der Karte ist der Raster kaum erkennbar, gemeint sind die linksrheinischen Gebiete des Deutschen Reichs, die erst 1930 geräumt wurden. Erkennbar ist auch ein lila-grün schraffiertes Gebiet zwischen dem nach dem ersten Weltkrieg unabhängig gewordenen Polen und der Sowjetunion, die als „Großrußland“ bezeichnet wurde (mit scharfem ß trotz Großschreibung!). Hier wurden die Gebietsgewinne Polens nach dem polnisch-sowjetischen Krieg von 1920/21 noch nicht als endgültig dargestellt. Die Ukraine, 1922 in die Sowjetunion integriert, wurde noch als unabhängiger Staat gezeigt. Die Bezeichnung „Jugoslawien“ wurde für den neu entstandenen Staat von Slowenen, Kroaten, Bosniern und Serben schon verwendet, obwohl sie erst 1929 offiziell eingeführt wurde.

Aus dem Lehrerbrief zur Auflage 1915:
„Selbstverständlich wird der Atlas auch in Zukunft eines Vorzuges, der ihn selbst über die besten Handatlanten hinaushebt, nicht entbehren; er wird in seinem jährlichen Neudruck nach wie vor auf dem Laufenden erhalten werden, alle Änderungen in Zahlen, Verkehrslinien, politischen Grenzen etc. sorgsam verzeichnen.“ „[...] Deshalb fand in der Neubearbeitung eine scharfe Trennung der beiden Höhenstufen statt: Für das Tiefgelände wurde ein Olivengrün gewählt, für die Höhenstufe von 200-500 m ein lichter braungelber Ton, an welchen das Rotbraun der folgenden Höhenstufen harmonisch anzuschließen getrachtet wurde. Durch diese Farbänderungen, welche eine Neuherstellung sämtlicher Farbenplatten notwendig machte, hoffte der Autor die physikalischen Karten nicht nur plastischer und ausdrucksvoller, sondern auch schöner und gefälliger in ihrer Farbenwirkung gestaltet zu haben.“ „[… Der] Mittelschulatlas, welcher bereits an ca. 360 österreichischen Lehranstalten mit deutscher Unterrichtssprache im Gebrauche steht, […].“

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