1861 | Die Geburtsstunde des Kozenn-Atlas

Nachdem Eduard Hölzel mit seinem Verlag nach Wien, in das Zentrum der Monarchie, übersiedelt war, gründete er hier ein „Geographisches Institut“ im 4. Wiener Bezirk in der damaligen Luisengasse (heute Mommsengasse) 5. Noch in Olmütz hatte er gemeinsam mit Blasius Kozenn die Arbeiten an einem Schulatlas begonnen, der den damals dominierenden deutschen Atlanten ein österreichisches Produkt entgegensetzen sollte. Nun erschien dieser 1861 als „Geographischer Schul-Atlas für die Gymnasien, Real- und Handelsschulen der österreichischen Monarchie von B. Kozenn, k.k. Professor“ in „Eduard Hölzel‘s Verlag, Wien und Olmütz“. Er hatte 31 Kartenblätter, jeweils einseitig farbig bedruckt und teilweise ausklappbar. Davor gab es textliche Einleitungsteile zu den Kartenprojektionen, zur Terrainlehre und interessante sprachliche Erläuterungen mit Ausspracheregeln und häufig vorkommenden fremdsprachigen geographischen Begriffen in Namen. Die Kartenfolge ging von den Kontinenten über Europa zu den Regionen der Monarchie. Erdübersichten waren auf eine Seite mit der Darstellung der zwei Erdhälften beschränkt („Planigloben“). Im gleichen Jahr erschienen eine tschechische, ungarische und polnische Ausgabe, allerdings wurden nur das Titelblatt und die textlichen Erläuterungen übersetzt. Atlanten mit angepassten geographischen Namen kamen erst später. 1862 gab es eine verkürzte Variante mit 8 Kartenblättern, ebenso Ausgaben mit zusätzlichen stummen Karten. Schon jetzt wanderte der Name von Kozenn an die erste Stelle der Atlastitel („B. Kozenn‘s geographischer Schul-Atlas“ o.ä.). Schnell erkannte das deutsche Verlagshaus Perthes in Gotha, das den „Stieler- Atlas“ herausgab, die drohende Konkurrenz und veröffentlichte in der von ihm herausgegebenen wichtigen Zeitschrift „Petermanns Mitteilungen“ negative Rezensionen bis hin zum Plagiatsvorwurf. Österreichische Bildungszeitschriften reagierten dagegen überwiegend positiv und spätestens nach der militärischen Niederlage der Monarchie gegen Preußen 1866 wurden auch von der österreichischen Bildungspolitik heimische Lehrmittel gefördert. In rascher Folge wurden vom Verlag jährlich einige Kartenblätter technisch und inhaltlich verbessert, auch nach dem Tod von Kozenn im Jahr 1871. Der Kozenn-Atlas hatte seinen bedeutenden Platz im österreichischen Unterricht eingenommen, den er bis heute behalten sollte.

Karte der AlpenländerSchon die erste Ausgabe enthielt eine Karte der Alpenländer, die eine Tradition der Alpenkarten im Verlag Hölzel begründete, welche später auch zu einer großen und viel gerühmten Wandkarte führte. Ein interessantes Element dieser Karte sind blaue Linien, die in der Legende als „Sprachgrenzen“ bezeichnet werden. Im Kärntner und steirischen Grenzraum sind die vielfältigen Verschränkungen von deutscher und slowenischer Bevölkerung zu erkennen. Anscheinend wurde zwischen einem slowenischsprachigen Gebiet in Südkärnten, einem gemischtsprachigen um Klagenfurt und einem deutschsprachigen nördlich davon unterschieden. Weiter südlich ist die große deutsche Sprachinsel in der Gottschee zu sehen. Die sprachliche Herkunft Blasius Kozenns ist wohl auch an der Konkordanzliste der slowenischen Ortsnamen erkennbar. In der Karte sind die gesamte Untersteiermark und die Krain deutsch beschriftet. Sowohl die Sprachgrenzen als auch die Liste verschwanden in späteren Auflagen wieder.

Übersichtskarte AfrikaDer erste Kozenn-Atlas enthielt für jeden Kontinent eine Übersichtskarte im Maßstab 1 : 50 000 000, die man als Mischung aus politischer Karte und einfacher physischer Übersicht bezeichnen kann. Höhenangaben fehlten noch völlig. Das gesamte Kongobecken war ein „weißer Fleck“, die politischen Einheiten waren zum Landesinneren hin oft unscharf abgegrenzt. Der Nullmeridian ging durch die Insel Ferro (heute Hierro), die westlichste der Kanarischen Inseln. Dieser wurde damals in der österreichischen Monarchie offiziell verwendet. So erreichte man, dass ganz Europa positive Längenkoordinaten hatte. Die Längeneinheit der Maßstabsleiste waren geographische Meilen (entspricht 7,421 km). Viel Wert wurde im Kozenn-Atlas von Anfang an auf vergleichbare Maßstäbe gelegt, d.h. gleichartige Gebietseinheiten wie Kontinente, Teile Europas, Teile der Monarchie usw. sollten in gleichen Maßstäben abgebildet werden und zwischen den Maßstabsebenen einfache Vergrößerungsverhältnisse bestehen. So gab es für die Teilkarten Europas den Maßstab 1 : 5 000 000, also das Zehnfache der Kontinentkarten, ein Maßstab, der bis heute im Kozenn-Atlas verwendet wird.

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